Psalm 139:1-2 – "HERR, du erforschest mich und kennest mich. Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es; du verstehst meine Gedanken von ferne."
1. Mose 22,12 – "Er sprach: Lege deine Hand nicht an den Knaben und tu ihm nichts; denn nun weiß ich, daß du Gott fürchtest " "
5. Mose 8,2 – "Und gedenke des ganzen Weges, den dich der HERR, dein Gott, geleitet hat diese vierzig Jahre in der Wüste, auf daß er dich demütigte und versuchte, damit kundwürde, was in deinem Herzen wäre, ob du seine Gebote halten würdest oder nicht. "
Aus Psalm 139 scheint klar zu sein, daß Gott weiß, was im Herzen eines Menschen vorgeht, da er gar unsere Gedanken "von ferne" versteht. Andererseits aber erscheint es aus den andern zwei Stellen so, als würde Gott nicht wissen, was im Herzen des Menschen ist, es sei denn, irgendwelche Handlungen des Menschen "offenbaren", die Gedanken seines Herzens. Sind diese Abschnitte nun widersprüchlich, oder gibt es eine andere Lösung für diesen scheinbaren Widerspruch?
Das Problem entsteht erst, wenn wir solche Abschnitte darüber, wie Gott Menschen prüft, um zu erfahren, was im Herzen eines Menschen ist, so verstehen, als wäre Gott ohne eine solche Prüfung unwissend – nun stellt sich aber die Frage: Ist ein solches Verständnis das einzig plausible oder einzig mögliche Verständnis? Oder gibt es noch eine andere Möglichkeit, diese Schriftstellen zu verstehen, so daß sie mit der Aussage in Psalm 139 in Einklang sind (und auch mit Apostelgeschichte 1,24: "und beteten und sprachen: Herr, der du aller Herzen kennst, zeige an, welchen du erwählt hast von diesen beiden, ")?
Es ist sehr gut möglich, daß Gott in diesen Situationen eine bestimmte Handlung benutzte, um dem
betroffenen Menschen zu verdeutichen und zu bestätigen, was er bereits im voraus wußte. Wir benutzten auch
vielleicht manchmal ein solches Vorgehen in Unterrichtssituationen, wenn wir uns als Lehrer in die Situation der
Schüler oder der Klasse versetzen und dann von ihrer Perspektive aus kommentieren: "Ich werde jetzt so und so
machen, und dann will ich einmal sehen, was passieren wird "" Nun, ich weiß natürlich, was passieren
wird, aber die Schüler wissen es nicht! Nach dem Experiment fahre ich vielleicht noch fort mit: "Also, nun wissen
wir, daß dies und jenes geschieht "", obwohl ich in Wirklichkeit das bereits lange vorher
wußte.
Wenn wir dies auf das Beispiel mit Abraham in 1. Mose 22,12 beziehen, so ist es so, daß nun
Abraham wirklich wußte, daß Gott sein Herz kennt und daß Gottes Wissen auch wahr ist, wie die
Prüfung ja gerade zeigt, welche Abraham gerade bestanden hatte.
In diesen Versen, die den Eindruck erwecken, als wisse Gott nicht unbedingt etwas, bis daß er einige Schritte unternommen hat, um es herauszufinden, können wir sehen, wie die Kritiker den Fehler machen, bei Gott Unwissenheit anzunehmen, nur weil er nicht einfach etwas "diktiert" (was er ihrer Meinung nach eigentlich tun müßte). Aber diese Annahme ist unbegründet und offensichtlich falsch, denn Gott muß nicht, auch wenn er allwissend ist, dem Menschen diktieren, sonder kann auch andere Schritte unternehmen, mit denen er sogar besser zu dem Menschen in Kontakt stehen kann.
Der augenscheinliche Widerspruch beruht auf gewissen Annahmen beim lesen der Textstellen, löst sich aber schnell auf, wenn man den Text ohne solche Annahmen liest.
Copyright © 2010 by Wolfgang Schneider