Mar 16,1 – Als der Sabbat vorbei war, kauften die Frauen wohlriechende Öle, um hinzugehen und Jesu Leichnam zu salben.
Luk 23,56 – Die Frauen bereiteten wohlriechende Öle und Salben, und ruhten dann den Sabbat über.
Auf den ersten Blick, und bei Berücksichtigung dessen, was man traditionsgemäß über die Kreuzigung und die Grablegung Jesu gehört oder gelesen hat, scheinen sich diese Stellen aus Markus und Lukas zu widersprechen, was den Zeitpunkt angeht, als die Frauen Öle und Salben kauften, um damit Jesu Leib zu salben. In Markus 16 wird dies auf die Zeit nach dem Sabbat gelegt ("als der Sabbat vorbei war"), in Lukas dagegen hatten die Frauen ihre Öle und Salben gekauft und bereiteten diese zu, bevor der Sabbat überhaupt angebrochen war ("ruhten dann den Sabbat über").
Eine genauere Betrachtung verschiedener Übersetzungen, wie auch ein Vergleich mit dem griechischen Text, ergibt keine wesentlich neuen Erkenntnisse, es wird lediglich bestätigt, daß diese Stellen tatsächlich so lauten und es keine textlichen Abweichungen oder Probleme in der Übersetzung gibt. Wo liegt nun das Problem? Wenn die Übersetzung korrekt ist, dann ist ein augenscheinlicher Widerspruch in unserem Verständnis dieser Stellen begründet. In irgendeiner Form verstehen wir dann etwas nicht korrekt, was einen solchen Widerspruch verursacht. Was verursacht hier in dieser Sache den scheinbaren Widerspruch?
Der scheinbare Widerspruch ergibt sich dadurch, daß die gleiche Sache, das Besorgen und Zubereiten der Öle und Salben für die Salbung von Jesu Leichnam durch die Frauen, einmal VOR und einmal NACH dem Sabbat geschah. Das Problem hängt damit zusammen, daß eine identische Sache sich nicht zum identischen Zeitpunkt ereignete. Dabei ist es wichtig zu erkennen, daß wir bei dieser Betrachtung der Angelegenheit davon ausgehen, daß es sich zum einen um lediglich ein Besorgen und Zubereiten der Spezereien handelt, und daß wir es zum anderen mit dem gleichen Sabbat, dem wöchentlichen Sabbat (Samstag) zu tun haben. Da dies nun unmöglich so sein kann, wie es augenscheinlich von Markus bzw. Lukas berichtet wird, muß eine der Komponenten in unseren Überlegungen nicht korrekt sein.
Es bestünde grundsätzlich die Möglichkeit, daß die Frauen nicht einmal, sondern insgesamt zweimal Öle und Salben besorgen gingen und vorbereiteten – einmal am Tag vor dem Sabbat, das zweite Mal am Tag nach dem Sabbat. Das scheidet aber hier aus, denn es gibt weder einen Hinweis im Text darauf, noch ergäbe es Sinn, daß die Frauen nach dem Sabbat nochmals Salben besorgten, wenn andere Berichte in den Evangelien berichten, daß die Frauen bereits sehr früh nach dem wöchentlichen Sabbat zum Grabe gingen und offensichtlich ihre Spezereien bereits dabei hatten. Damit scheidet diese Möglichkeit einer Lösung aus.
Die einzige andere Möglichkeit wäre, daß wir es nicht mit einem identischen, sondern mit zwei verschiedenen Sabbaten zu tun haben, wobei der erste Sabbat ein besonderer Sabbat (Tag eines Festes) war, auf den dann nach einem regulären Wochentag der wöchentliche Sabbat folgte. Die Frauen hätten demnach am Tage nach dem ersten Sabbat, dem Tag zwischen den Sabbaten, die Öle und Salben vorbereitet, um dann den zweiten Sabbat über zu ruhen und gerüstet zu sein, am Tage nach dem wöchentlichen Sabbat sofort zum Grabe zu gehen und Jesu Leib zu salben. Das würde dann auch der dritte Tag seit der Grablegung sein, und die von den Ältesten des Volkes angeordnete Wache hätte es sowieso nicht zugelassen, vorher bis zum Grabe vorzudringen. Das ist tatsächlich, was sich ereignete, wie ich in einer anderen Studie unter dem Titel Jesus Christus war 3 Tage und 3 Nächte tot und begraben genauer erörtert habe. Jesus wurde am 14. Nisan, dem Tag vor dem hohen Festtag, dem 1. Tag des Festes der Ungesäuerten Brote (auch "Passafest" genannt) am 15. Nisan, gekreuzigt, und ist am Nachmittag an jenem Tag gestorben und noch vor Sonnenuntergang, dem Beginn des nächsten Tages, begraben worden. Dies war ein Mittwoch. Als die Frauen sahen, daß Jesus nicht nach üblicher Sitte begraben worden war, besorgten sie am Tage nach dem hohen Sabbat, am Freitag, die Öle und Salben, und dann mußten sie den nächsten Tag, den wöchentlichen Sabbat über, ruhen.
Der scheinbare Widerspruch löst sich, wenn wir beachten, daß die traditionelle Lehre von der Kreuzigung Jesu an einem Freitag, und die Berücksichtigung nur eines Sabbats, des wöchentlichen Sabbats, inkorrekt ist. Die Berichte erwähnen das gleiche Ereignis, die Aktivitäten der Frauen am Freitag in jener Woche, aber sie setzen dieses Ereignis zu zwei verschiedenen Sabbattagen in Beziehung. Markus 16 spricht von dem hohen Festtag, dem hohen Sabbat am 15. Nisan; Lukas dagegen redet von dem wöchentlichen Sabbat am 17. Nisan. Wenn wir die zwei Berichte recht verstehen, ist der augenscheinliche Widerspruch gelöst und wir können uns erneut darüber freuen, wie wunderbar genau die Offenbarung Gottes in seinem Wort tatsächlich ist.
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