In Lukas erschien Jesus den Elf noch am Tage der Auferstehung (Luk 24,33-36); Johannes berichtet aber, daß Thomas bei dieser Erscheinung Jesu vor den Elf nicht dabei war (Joh 20,24) und daß Jesus erst über eine Woche später wiederum seinen Jüngern erschien, und da dann Thomas ebenfalls anwesend war (Joh 20,26)
Die obige Bemerkung zu dem scheinbaren Widerspruch zwischen Luk 24 und Joh 20 ist eigentlich in sich bereits problematisch, da sie zwar die in den biblischen Berichten gemachten Angaben korrekt wiedergibt, aber dann diesen Widerspruch aufgrund einer Annahme fabriziert, die in der Bemerkung selbst gar nicht ausgesprochen wird, nämlich der Annahme, daß Judas sich sofort bzw. sehr bald nach seinem Verrat umbrachte. Um den scheinbaren Widerspruch zu lösen, ist es notwendig, die Berichte über Judas einzubeziehen und zu klären, wann sich Judas überhaupt umgebracht hat.
Luk 24,33-36 berichtet, daß Jesus den Elf erschien und aus Joh 20,24 wird ersichtlich, daß bei diesem Ereignis Thomas abwesend war. Wenn Jesus 11 von den 12 Aposteln erschien, und wenn es laut Joh 20,24 Thomas war, der fehlte, so steht fest, daß Judas zu jenem Zeitpunkt offensichtlich am Leben und auch anwesend war. Bzgl. der Erscheinung eine Woche später heißt es nur, daß Jesus seinen "Jüngern" erschien und daß Thomas diesmal dabei war. Daß Judas auch nach der Auferstehung Jesu am Leben war und zum Kreis der Apostel zählte, wird auch noch aus anderen Stellen deutlich, wo die Schrift erwähnt, daß Jesus nach seiner Auferstehung von den Zwölfen (und nicht nur, wie fälschlich immer einfach automatisch angenommen, den Elf) gesehen wurde (vgl. dazu . 1Ko 15,5; Apg 1).
In Mat 27,5 heißt es über Judas: "Und er warf die Silberlinge in den Tempel, ging fort und erhängte sich." Dies wird immer so verstanden, als hätte sich Judas sofort, zu jenem Zeitpunkt, umgebracht. Ein solches Zeitelement wird aber gar nicht angegeben. Aus Apg1,18, den Worten des Petrus in den Tagen zwischen der Himmelfahrt Jesu und Pfingsten scheint dagegen hervorzugehen, daß Judas sich erst zu der Zeit auf seinem eigenen Acker umbrachte, den er mit dem "Lohn für seine Ungerechtigkeit" erworben hatte (bei diesem Lohn für seine Ungerechtigkeit kann es sich übrigens nicht um die 30 Silberlinge handeln, die er von den Hohenpriestern für seinen Verrat erhalten hatte, denn die warf er laut Mat 27,5 in den Tempel!). Wir sollten auch noch beachten, daß das Wort für "erhängte sich" mit "war sehr bedrückt" übersetzt und verstanden werden könnte, wobei es uns beschreibt, wie Judas angesichts der Situation anscheinend emotional gewaltig unter Druck stand. Es wird klar, insbesondere bei einer Berücksichtigung der anderen Stellen in Apg 1, daß der Begriff nicht anzeigt, daß Judas sich bereits zu diesem Zeitpunkt durch Erhängen umbrachte.
Der Bericht in Apg 1 erwähnt zunächst, daß Jesus mit den "Aposteln, die er erwählt hatte" zusammen war. Das waren die ursprünglichen 12 Apostel, Judas eingeschlossen (vgl. Luk 6,13-16). Diese waren offenbar auch noch bis kurz vor oder sogar bei seiner Himmelfahrt mit ihm zusammen. Erst direkt nach der Aufnahme Jesu in den Himmel ist ein Wechsel des Geschehens erkennbar in den Worten der zwei Männer (Engel), die zu den Aposteln sprechen und sie anreden mit: "Ihr Männer von Galiläa "" (Apg 1,11). Judas stammte aus Keriot in Judäa, er war der einzige der 12 Apostel, der nicht aus Galiläa stammte, und der sich zu jenem Zeitpunkt offenbar vom Ort dieses Geschehens entfernt hatte. Als die zurückgebliebenen Apostel sich dann nach Jerusalem begeben, werden sie namentlich aufgeführt, und erst in dieser Aufzählung fehlt dann Judas Iskariot.
Judas war während der 40 Tage, in denen sich Jesus als der Lebendige seinen Jüngern gezeigt hatte, wieder im Kreis der Jünger und Apostel vertreten. Es ist schon bemerkenswert zu sehen, welch große Bereitschaft zu vergeben Jesus hatte und mit welcher Liebe er wandelte. Auch Judas galten die Verheißungen, die Jesus den Aposteln gab; aber Judas war anscheinend nicht bereit, die bereitstehende Vergebung anzunehmen und sein Leben zu ändern, stattdessen verstrickte er sich immer mehr in Selbstverdammnis und Selbstmitleid, was ihn schließlich dazu trieb, sich selbst umzubringen.
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