Ein außerordentlich wichtiger Punkt in eschatologischen Studien ist das sogenannte "Tausendjährige Friedensreich Christi". Es wird fast überall als feststehende Wahrheit gelehrt und von Christen überall in der Welt als ihre Hoffnung bzw. wesentlicher Teil ihrer Hoffnung betrachtet und erwartet. Wir sollten aber auch bzgl. dieser Sache bemüht sein, die biblische Wahrheit zu kennen, um nicht etwa einer falschen Hoffnung zu erliegen.
Ausdrücke wie "das Tausendjährige Friedensreich Christi" oder "die Tausendjährige Herrschaft Christi" oder auch "Millennium" kommen z.B. in der Bibel gar nicht vor, was manchen Lesern bislang eventuell nicht bekannt war. Was hat es dann mit dieser Sache auf sich? Gibt es überhaupt in der Bibel eine solche Tausendjährige Herrschaft bzw. ein solches Tausendjähriges Friedensreich auf Erden? Falls nicht, sollten wir uns fragen, wie es kommt, daß sich eine solche Idee so verbreiten und eine solche Akzeptanz erlangen konnte?

Ein Tausendjähriges Reich kommt in der Bibel nicht vor, und lediglich an einer Stelle im Buch der Offenbarung findet sich ein Abschnitt, in dem "tausend Jahre" und "regieren" gleich mehrmals vorkommen.

Offenbarung 20,3-8
und warf ihn in den Abgrund und verschloß ihn und setzte ein Siegel oben darauf, damit er die Völker nicht mehr verführen sollte, bis vollendet würden die tausend Jahre. Danach muß er losgelassen werden eine kleine Zeit.
Und ich sah Throne, und sie setzten sich darauf, und ihnen wurde das Gericht übergeben. Und ich sah die Seelen derer, die enthauptet waren um des Zeugnisses von Jesus und um des Wortes Gottes willen, und die nicht angebetet hatten das Tier und sein Bild und die sein Zeichen nicht angenommen hatten an ihre Stirn und auf ihre Hand; .
Die andern Toten aber wurden nicht wieder lebendig, bis die tausend Jahre vollendet wurden. Dies ist die erste Auferstehung.
Selig ist der und heilig, der teilhat an der ersten Auferstehung. Über diese hat der zweite Tod keine Macht; sondern sie werden Priester Gottes und Christi sein und mit ihm regieren tausend Jahre.
Und wenn die tausend Jahre vollendet sind, wird der Satan losgelassen werden aus seinem Gefängnis
und wird ausziehen, zu verführen die Völker an den vier Enden der Erde, Gog und Magog, und sie zum Kampf zu versammeln; deren Zahl ist wie der Sand am Meer.

Ist hier von einem "Tausendjährigen Reich" die Rede, in welchem Christus auf Erden als politischer Herrscher regieren wird? Sind diese Aussagen nicht Teil einer Vision, die sich gar nicht auf Erden abspielte sondern vielmehr von einem Geschehen im Himmel handelt? Es finden sich zudem viele figurative Ausdrucksweisen in diesem Abschnitt, und es erscheint doch eher so, als sollte man besser nicht ein theologisches Konzept auf nur diese eine Stelle aufbauen, besonders auch deshalb, weil einige andere Stellen in der Schrift einer solchen Vorstellung eines irdischen Reiches mit Jesus als Weltherrscher zu widersprechen scheinen. Sind nicht alle die Details, die von bestimmten theologischen Schulen in diesen Abschnitt hineingelesen werden, eher Einbildung als das, was da geschrieben steht?

Zunächst stellen wir fest, daß Offenbarung 20 nicht von einer tausendjährigen Herrschaft Christi spricht. In Off 20,4 heißt es vielmehr: "ich sah die Seelen derer, die enthauptet waren um des Zeugnisses von Jesus und um des Wortes Gottes willen ... diese wurden lebendig und regierten mit Christus tausend Jahre". Nicht Christus regiert 1000 Jahre, sondern die um des Wortes Gottes willen enthaupteten Zeugen regieren mit Christus tausend Jahre. Man beachte folgendes: Wenn wir davon reden, daß Herr Mustermann ein Jahr mit dem König regiert hat, dann bedeutet das ja nicht, daß der König nur ein Jahr regiert hat, sondern daß Herr Mustermann für ein Jahr mit dem König regiert hat. Der König hat womöglich bereits vorher regiert und regiert auch nach dem einen Jahr weiter. Der wichtige Punkt ist: Die Aussage darüber, daß jemand zusammen mit dem König eine bestimmte Zeit regiert, bezeichnet nicht die Zeit, wie lange der König regiert! Die Aussage in Off 20,4 sagt nichts darüber, wie lange Jesus regieren wird, sondern teilt uns mit, daß Zeugen, die um des Wortes Gottes willen einen gewaltsamen Tod starben, eine gewisse Zeitspanne mit Christus regieren würden. Man kann also aus diesem Abschnitt nicht ableiten, daß Christus für tausend Jahre in einem tausendjährigen Reich auf Erden regieren wird.

In diesen Abschnitt in Off 20 werden oft Dinge hineingelesen, die dort eigentlich gar nicht gesagt werden:

  1. Es wird nichts gesagt über das zweite Kommen bzw die Wiederkunft Christi.
  2. Es wird nicht gesagt, daß es um ein irdisches Reich, ein Reich auf Erden, geht.
  3. Es wird nichts gesagt über eine körperliche Auferstehung der Personen.
  4. Es wird nichts gesagt, was anzeigt, daß Jesus dann auf Erden lebt.
  5. Es wird nichts gesagt über uns bzw Gläubige allgemein, sondern über "diese", die als Zeugen für Jesus und das Wort Gottes enthauptet worden waren.

Einige Fragen stellen sich bzgl. dessen, was in diesem Abschnitt gesagt wird: "WER sind die, die einen Platz auf den Thronen erhielten und denen das Gericht übergeben wurde? Um welches Gericht handelt es sich? Sind die auf den Thronen identisch mit denen, derer Seelen Johannes sah, die zum Zeitpunkt dieser Vision und der Niederschrift der Offenbarung für das Zeugnis von Jesus und das Wort Gottes einen gewaltsamen Tod erlitten hatten? Was ist die erste Auferstehung, an der nicht alle Toten teilhaben? Wer sind die, die an der ersten Auferstehung teilhaben und Priester Gottes und Christi sein werden und mit Christus regieren werden?

Der Abschnitt in Off 20 bezieht sich in besonderer Weise auf diejenigen, die für das Zeugnis Christi und das Wort Gottes enthauptet wurden, d.h. als Martyrer für ihren christlichen Glauben starben? In Off 6,9-11 findet sich eine andere Stelle, wo in einer Vision die Seelen derer, die um des Wortes Gottes willen getötet worden waren, unter einem Altar gesehen werden und die nach Gottes Rache über ihre Widersacher rufen. Hier in Off 20 befinden sie sich auf Thronen und regieren mit Christus, die Rache Gottes ist gekommen.

Es wird deutlich, daß sich die Szenen nicht auf Erden in einer physischen Welt abspielen, sondern im geistlichen Bereich. Der Bericht handelt nicht von den auf Erden Lebenden, sondern von denen, die um des Wortes Gottes willen umgebracht wurden und auferweckt wurden und mit Christus "regierten".

Die erste Auferstehung wird kontrastiert mit dem zweiten Tod. Es wird aber nicht gesagt, daß die Gerechten tausend Jahre vor den Gottlosen von den Toten auferweckt werden, um in einem irdischen Reich zu regieren. Vielmehr steht im Vordergrund, daß die Sache Christi, für die diese Martyrer ihr Leben gaben, siegreich ist über das Böse.

Wie bereits kurz erwähnt, handelt der Abschnitt in Off 20 nicht davon, daß Jesus zur Erde zurückkehrt, um hier ein politisches, irdisches Reich mit der Hauptstadt Jerusalem aufzurichten. Solche Ideen werden zwar ständig propagiert, und auch diese Stelle muß dann als angeblicher "Schriftbeweis" herhalten; aber eine genaue Betrachtung des Textes zeigt schnell, daß hier nicht von einer weltweiten politischen Herrschaft Jesu von Jerusalem aus die Rede ist.

Die Idee und der Ausdruck "Tausendjähriges Reich" kommt wohl von den Worten "diese wurden lebendig und regierten mit Christus tausend Jahre" in Off 20,4. Die Pre-Millennialisten glauben, daß sie weltliche Überwinder mit Christus sein werden, wenn dieser für 1000 Jahre auf die Erde kommt. Wir sollten aber beachten, daß Paulus davon schreibt, daß Gläubige bereits jetzt "weit überwinden, durch den, der uns geliebt hat" (Röm 8,37). Wenn wir also nun bereits weit überwinden, warum sollten wir dann unterscheiden zwischen unserer Herrschaft im Reich Gottes jetzt und einer noch zukünftigen irdischen Herrschaft auf Erden?

Sicherlich ist der Hauptpunkt in Off 20,6, daß die gerechten Verstorbenen nach der ersten Auferstehung mit Christus regieren. Das aber schließt nicht aus, daß an Christus Gläubige nicht auch jetzt schon auf Erden überwinden und die Segnungen Christi auch jetzt schon in ihrem Leben herrschen. Diese Wahrheit geht unter in den Lehren und Vorstellungen der "pre-Millennialisten", die sich auf ein noch zukünftiges irdisches weltliches Reich konzentrieren.

Die erwähnte erste Auferstehung betrifft die in Christus Verstorbenen, die dann lebten und während der figurativen "1000 Jahre" mit Christus regierten in Erwartung des endgültigen Gerichts und der allgemeinen Auferstehung der Gerechten und der Ungerechten. Der zweite Tod ist der endgültige Tod, den die Verlorenen bei ihrem Gericht empfangen werden; der erste Tod ist der physische Tod. Die Gerechten und wahren Gläubigen erleben diesen ersten Tod, aber der zweite Tod hat keine Macht mehr über sie.

Was ist mit der Zahl "tausend"?

Um ein besseres Verständnis der "tausend" Jahre zu bekommen, werden wir uns zunächst die Zahl tausend etwas näher ansehen und darauf achten, wie sie in solchen Ausdrücken vorkommt und was sie dann bedeutet. Es fällt dabei auf, daß in der Schrift die Zahl tausend in solcher Art von Ausdrücken ausschließlich figurativ benutzt wird, und sich nicht im wörtlichen Sinne auf genau 1000 von was auch immer bezieht. Übrigens, auch wir benutzen heute das Wort "tausend" figurativ in manchen Ausdrücken, wie etwa "tausend Dank". Meinen wir damit etwa, daß wir jemandem haargenau 1000 mal "Danke" sagen, also nicht 999 und auch nicht 1001 mal, sondern genau 1000 mal? Offensichtlich nicht!

Die nachfolgenden Beispiele illustrieren die Verwendung des Wortes "tausend" in dieser Art von Ausdrücken.

Hiob 9,3
Hat er Lust, mit ihm zu streiten, so kann er ihm auf tausend nicht eins antworten.

Psalm 50,10 (unrev. Elberfelder Bibel)
Denn mein ist alles Getier des Waldes, das Vieh auf tausend Bergen.

Prediger 7,28
Und ich suchte immerfort und hab's nicht gefunden: unter tausend habe ich einen Mann gefunden, aber ein Weib hab ich unter allen nicht gefunden.

Daniel 5,1
König Belsazar machte ein herrliches Mahl für seine tausend Mächtigen und soff sich voll mit ihnen.

Daniel 7,10
Und von ihm ging aus ein langer feuriger Strahl. Tausendmal Tausende dienten ihm, und zehntausendmal Zehntausende standen vor ihm. Das Gericht wurde gehalten, und die Bücher wurden aufgetan.

5. Mose 7,9
So sollst du nun wissen, daß der HERR, dein Gott, allein Gott ist, der treue Gott, der den Bund und die Barmherzigkeit bis ins tausendste Glied hält denen, die ihn lieben und seine Gebote halten,

1. Chronik 16,15
Gedenket ewig seines Bundes, des Wortes, das er verheißen hat für tausend Geschlechter,

Psalm 90,4
Denn tausend Jahre sind vor dir wie der Tag, der gestern vergangen ist, und wie eine Nachtwache.

Psalm 105,8
Er gedenkt ewiglich an seinen Bund, an das Wort, das er verheißen hat für tausend Geschlechter,

2. Petrus 3,8
Eins aber sei euch nicht verborgen, ihr Lieben, daß ein Tag vor dem Herrn wie tausend Jahre ist und tausend Jahre wie ein Tag.

Es dürfte aus diesen Beispielen klar sein, daß es hier nicht um jeweils genau 1000 Leute oder Dinge, Jahre oder Geschlechter geht, sondern daß die Zahl tausend nicht wörtlich sondern figurativ, symbolisch gemeint ist. "Tausend" bezeichnet eine "große Zahl" oder eine "lange Zeit", aber nicht unbedingt haargenau im buchstäblichen Sinne "eintausend".

Wenn wir nun in Off 20 davon lesen, daß gewisse Heilige, die eines gewaltsamen Todes starben, "tausend Jahre" mit Christus regieren, warum meinen wir dann, es handele sich buchstäblich um genau 1000 Jahre, nicht einen Tag weniger, nicht einen Tag mehr? Einerseits behaupten Leute, es handele sich hier um genau "1000 Jahre", andererseits nehmen sie dann Stellen wie 2Pe 3,8 und versuchen die mittlerweile vergangenen fast 2000 Jahre mittels der Aussage über "ein Tag vor dem Herrn wie tausend Jahre" als quasi sehr kurze Zeitspanne aus Gottes Sicht zu erklären.

Die jüdische Leiterschaft zur Zeit Jesu erwartete ein politisches, weltliches Reich unter der Herrschaft des Messias. Das war aber offensichtlich eine falsche Vorstellung. Sie wollten sich nicht zufrieden geben mit einem geistlichen Reich (vgl. Jesu Worte gegenüber Pilatus: "Mein Reich ist nicht von dieser Welt"), sondern bestanden in ihrer Überzeugung auf einem weltlichen Reich mit Jesus als politischem Oberhaupt. Könnte es sein, daß die Christen, welche Christi Kommen und sein angebliches "1000 jähriges Reich" hier auf Erden erwarten, dem gleichen Irrtum wie die Juden zu Jesu Zeit erlegen sind?

Ist die Wahrheit vielmehr, daß Christus nach seiner Aufnahme in den Himmel die Herrschaft über sein geistliches Reich aus des Vaters Händen empfing (vgl. Dan 7,13-14) und seitdem herrscht und ohne Ende herrschen wird (vgl. Lk 1,33). Warum sollen wir auf einen unbestimmten Zeitpunkt in der Zukunft warten, wann Christus zu herrschen beginnt, wenn er bereits nun herrscht und wir ihm unser Leben unterstellen sollten? Die entscheidende Frage zur Erkenntnis der Wahrheit in diesen Dingen ist wohl folgende: Ist das Reich Gottes und Christi ein geistliches Reich oder ein weltliches, politisches Reich auf Erden?

 

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