Vorbemerkungen

Bei einer Untersuchung der Schriftstellen zum Themenkreis "Kommen (Rückkehr) Christi" ergeben sich sehr bald Fragen und Überlegungen zu zeitlichen Begriffen wie "bald", "nahe", und ähnlichen Ausdrücken. Es wird allgemein in christlichen Kreisen davon ausgegangen, dass die frühe Gemeinde zu recht eine Naherwartung des Kommens Christi hatte und ihr Glauben und ihre starke Hoffnung werden als exemplarisch hingestellt. Allerdings wird dann gleich hinzugefügt, dass sich die Naherwartung der ersten Christen leider nicht so erfüllt habe, und im nächsten Atemzug dann gesagt, die heutigen Gläubigen sollten aber dennoch gleichwie die frühen Christen glauben und hoffen, dass Christus jederzeit und vielleicht noch heute kommen könne. Warum merken Leute nicht, dass solche Lehren eigentlich in sich widersprüchlich sind und im Lichte biblischer Weissagung und des biblischen Zeugnisses, dass die Bibel das von Gott eingegebene Wort Gottes ist, keinen rechten Sinn ergeben?

Wie ich in einigen anderen Studien zu diesem Themenkreis aufgezeigt habe, hat die frühe Gemeinde diese Naherwartung gehabt aufgrund dessen, was sie nicht nur von den Aposteln sondern vom Herrn Jesus selbst gelehrt worden waren. Wenn Sie die Studien Jesu Aussagen darüber, wann er kommen wird, Aussagen in NT Schriften über Jesu Kommen und Aussagen in der Offenbarung über Jesu Kommen lesen, werden Sie bemerken, dass diese Aussagen zeitliche Elemente enthalten, die in sich leicht verständlich, klar und eindeutig sind und das Kommen des Herrn, das Kommen des Menschensohns in Herrlichkeit, usw. "bald", "nahe" bevorstehend, und noch "in dieser Generation" lehren.

Die heute oft zu sehende Reaktion auf diese zeitlichen Angaben in den NT Schriften ist die, dass Leute zwar zugeben, die frühe Gemeinde habe diese Angaben so verstanden, als würde das Kommen Christi noch in ihrer Zeit geschehen, dann aber sagen, dass man sich aber daran erinnern müsse, dass bei Gott Zeit anders sei als bei uns, wie ja auch in der Bibel gesagt würde, wo steht, dass bei Gott tausend Jahre wie ein Tag und ein Tag wie tausend Jahre sind. "Gott sieht Zeit eben anders als wir Menschen ..."

Nun stellt sich die Frage, ob solche Überlegungen und Ideen wahr sind und Sinn ergeben. Falls Gott nicht in der Lage ist, konkrete Zeitangaben zu machen, dann sind solche Einwände wohl korrekt! Falls Gott aber in der Lage ist, verbindliche zeitliche Angaben zu machen, falls Gott fähig ist und es Ihm daran lag, mit Menschen korrekt zu kommunizieren, dann ist bei solchen Einwänden etwas drastisch falsch! Solche Aussagen, dass es bei Gott quasi eine andere (bzw. gar keine) Zeit und gültige Zeitangaben gibt, sagen ja eigentlich, dass solche zeitlichen Angaben wie "bald" oder "ist nahe" absolut bedeutungslos sind, da Gott ja gar keine Zeit benennen kann, weil es bei Ihm keine Zeit gibt ... Nur, ist dem wirklich so? Ist Gott nicht in der Lage, zeitliche Angaben verlässlich und mit korrekt zu machen?

Diese Studie will aufzeigen, dass das Problem nicht bei Gott liegt sondern bei den Menschen, die eine vorgefasste Meinung bzgl. des Kommens Christi haben und die daher die biblischen Zeitangaben einfach beiseite schieben und im Grunde genommen Gott beschuldigen, Er könne sich nicht korrekt ausdrücken, wenn es um Zeit geht. Mancher Leser mag sich nun persönlich angegriffen fühlen ... nun, vielleicht wird es Sie ein wenig besänftigen, wenn ich Ihnen sage, dass ich fast drei Jahrzehnte meines Lebens als Christ nicht anders gedacht habe und genau das tat, was mir mittlerweile mehr und mehr ein Irrtum zu sein scheint. Und ich weiss, wie schwierig es sein kann, die eigene Meinung zu ändern, vor allem dann, wenn viele die gleiche Meinung haben und man lange Zeit solches gelehrt worden ist und sich eventuell nie weiter Gedanken dazu gemacht hat. Niemand stellt gerne in Frage, was er viele Jahre geglaubt hat? Niemand findet Gefallen daran, vielleicht einer falschen Lehre vertraut zu haben? Ich verstehe sehr gut, was in einem Leser vorgehen mag, wenn er sich zum ersten Mal damit konfrontiert sieht, dass eine nie weiter überdachte und ohne weitere Prüfung als wahr akzeptierte Lehre nicht unbedingt mit dem biblischen Zeugnis in Einklang stehen könnte.

Bibel als Gottes Wort

Ein wesentlicher Punkt für unsere Untersuchung ist die Wahrheit, dass die Bibel in ihrer ursprünglichen Form von Gott eingegeben ist. Die Schreiber der biblischen Bücher schrieben, wie sie von Gott inspiriert waren, wie es ihnen von Gott eingegeben wurde (vgl. etwa die Aussage in 2. Timotheus 3,16) "Von Gott eingegeben" ist wörtlich im griechischen Text "von Gott geatmet". Gott ist also der eigentliche Autor der Schriften der Bibel.

Da Gott vollkommen ist, da Gott unfehlbar ist, ergibt sich für die von Gott eingegebene Schrift, dass die Bibel als von Gott eingegebenes Wort dann ebenfalls vollkommen und unfehlbar sein wird. Wenn also in der Bibel etwas vorausgesagt wird, das nicht an eine bestimmte Bedingung gebunden ist und das sich andererseits innerhalb einer bestimmten Zeit ereignen soll, dann muss dies auch so geschehen. Wenn es nicht wie vorausgesagt eintritt, ist die Behauptung, es handele sich bei der Bibel um das von Gott eingegebene Wort hinfällig.

Es gibt sicherlich an Bedingungen gebundene Voraussagen in der Schrift, wo Gott verkündet, dass so und so geschehen wird, falls dies und das geschieht (z.B. Gott verheißt Israel einen besonderen Segen, falls Israel so und so tut. Sobald der Mensch seinen Teil in der Verheißung nicht einhielt, war Gott auch nicht mehr gebunden, seine Verheißung einzuhalten. Gottes Treue kommt darin zum Ausdruck, da er der Verheißung treu bleibt, und genau das einhält, was er verheißen hat.

Die Voraussagen, um die es hier im Zusammenhang mit dem Kommen Christi und dem Kommen des Reiches Gottes geht, sind nicht an Bedingungen gebunden. Wenn sie sich nicht wie vorausgesagt erfüllen, dann ist die Voraussage falsch und Gott hat Seine Verheißung nicht eingehalten. 5Mo 18,15ff teilt uns mit, wann wir mit einem wahren und wann mit einem falschen Propheten zu tun haben. Gott selbst setzt den Standard fest, an dem ein Prophet gemessen wird: Wenn das, was der Prophet vorrausgesagt hat, nicht erfüllt, dann haben wir es mit einem falschen Propheten zu tun.

Gottes Wort oder Menschen Wort

Die Bibel wurde aufgeschrieben in den Worten und dem Vokabular, mit dem die jeweiligen Schreiber vertraut waren. Was uns in der Bibel offenbart wurde, das lesen wir in ganz gewöhnlichen Worten, in einer dem Menschen verständlichen und erfassbaren Sprache. Die Bücher der Bibel wurden nicht in einer "mystischen" Form von Hebräisch, Aramäisch oder Griechisch verfasst, sondern in der jeweils ganz normalen Form dieser Sprachen. Das Wort Gottes wird in einer Sprache vermittelt, die Menschen verstehen sollen und können

Diese Sprache umfasst den Gebrauch von Wörtern in ihrem normalen buchstäblichen Sinn wie auch bildhafte Ausdrücke und Redefiguren. Die Israeliten waren vertraut mit "apokalyptischer Sprache", d.h. der Verwendung von bestimmten bildhaften Ausdrücken, denn sie hatten an jedem Sabbat bei der Schriftlesung damit zu tun. Bemerkenswert bei all dem ist, dass Angaben zu Zeit eigentlich immer mit Worten im buchstäblichen Sinn gemacht werden. Dies trifft auf Aussagen aus dem Alten Testament zu, es trifft in gleicher Weise auch auf Aussagen im Neuen Testament zu. Wir müssen die Ausdrücke so verstehen, wie sie der Autor und Schreiber verstanden haben und dabei berücksichtigen, ob etwas wörtlich oder bildhaft verstanden werden muss. Die Sprache des Alten Testaments wie auch des Neuen Testaments ist die Sprache des gewöhnlichen Volkes und sie ist für normale Leute verständlich.

Daraus ergibt sich, dass die Bedeutung von Wörtern in der Bibel nicht in Widerspruch steht zu der normalen Bedeutung, welche diese Wörter sonst auch haben. Wenn "bald" normalerweise eine kurze Zeitspanne umschreibt, dann bedeutet "bald" in der Bibel nicht eine lange Zeitspanne von Jahrhunderten oder gar Jahrtausenden. Wenn Gott in seinem Wort verkündet, etwas sei "nicht nahe", dann war es nicht nahe; Wir sollten aufgrund der in der Bibel benutzten Sprache sehr vorsichtig sein und nicht behaupten, Gott könne oder wolle nicht verständlich mit den Menschen kommunizieren.

Gott & Zeit & Gottes Kommunikation

Gott als der Schöpfer von Himmel und Erde steht selbstverständlich über der Zeit, und Gott ist auch nicht wie der Mensch an Zeit gebunden und lebt selbst nicht in der Zeit. Man könnte wohl sagen, Gottes Jahre und Zeit sind endlos bzw. wie es in Psalm 90,2 heißt: "... bist du, Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit." Diese Wahrheit bzgl. Gott hat jedoch keinen Einfluß auf die Studie hier, in der es um etwas anderes geht.

In unserer Studie geht es darum, was Gott Menschen bzgl. bestimmter Zeiten mitgeteilt hat. Wenn Gott mit Gott gesprochen hätte und dabei von "bald" oder von "ist nahe" spricht, dann könnte man sagen, Menschen könnten nicht wissen, was mit "bald" oder "ist nahe" gemeint ist. Nur, in der Bibel spricht Gott zum Menschen! Die Aussagen bzgl. des Kommens Christi und des Kommens des Reiches Gottes in der Bibel wurden für Menschen gemacht! Die zeitlichen Angaben sollen Menschen eine bestimmte Information vermitteln und sollen den Menschen warnen bzw ermutigen. Gott hat offensichtlich eine bestimmte "Zeit" gemeint, als Er zeitliche Angaben machte ... was soll Er sonst gemeint haben? Gott hat doch sicherlich dem Menschen verständlich vermitteln wollen, ob eine Sache noch in der fernen Zukunft liegt, ob sie nahe bevorsteht, ob etwas in so und soviel Tagen, Monaten, Jahren sein würde, ob die Zeit nahe ist oder etwas bald geschehen würde! Es wäre sehr irreführend, wenn Gott etwa von "bald" spricht und die Sache noch lange nicht sein wird, oder umgekehrt den Menschen glauben lässt, etwas sei in noch ferner Zukunft, wenn eigentlich die Zeit doch "nahe" ist.

Der wesentliche Punkt bei diesen Dingen ist der, dass wir es mit Gottes Kommunikation mit dem Menschen zu tun haben. Ist Gott in der Lage und will Gott dem Menschen etwas klar und verständlich mitteilen ? Oder kommuniziert Gott bewußt mehrdeutig oder vieldeutig mit dem Menschen? Verspricht Gott etwas als unmittelbar bevorstehend, obwohl Er selbst genau weiß, dass er Seine Versprechung eigentlich noch einige Jahrhunderte oder Jahrtausende lang nicht einlösen wird? Kommuniziert Gott nicht eindeutig und klar mit dem Menschen in zeitlichen Dingen, weil Er selbst als der Schöpfer über der Zeit steht?

Wenn Gott keinen Unterschied macht zwischen "bald, nahe" und irgendwann in der Zukunft, warum gibt es dann im Alten Testament bei keiner der Weissagungen bzgl. des kommenden Reiches Gottes einen Hinweis auf "bald"? Erst mit Johannes dem Täufer lesen wir zum ersten Mal davon, dass das Reich Gottes "nahe" ist. In Daniels Weissagungen erkennen wir, dass er das kommende Reich Gottes im Anschluß an das Römische Reich sieht, es somit also erst mehrere hundert Jahre nach Daniels Zeit kommen würde. Aus Gottes Perspektive war das sicherlich nur einen Augenblick, aus Daniels Perspektive aber mehrere Jahrhunderte. Gott zeigte Daniel, was geschehen sollte und was sich auf Erden unter den Menschen ereignen würde, somit wird Daniel auch nicht gesagt, das Reich stehe "nahe" bevor! Nicht anders verhielt es sich mit anderen AT Propheten ... Jesaja, Mose, Jeremia und andere, die bzgl. des kommenden Messias weissagten, erwähnten nie, dass sein Kommen "nahe" sei und dass er "bald" kommen würde. Erst als die Jahrhunderte vergangen waren, hören wir dann bei Johannes dem Täufer und Jesus selbst, dass Reich Gottes sei "nahe", komme "bald", usw. Warum? Weil nun die von Daniel erwähnten "letzten Tage" gekommen waren. Wir sehen also, dass Gott Seinen Propheten nicht eingab, von "nahe" und "bald" im Hinblick auf das kommende Reich zu sprechen, bis es in der Tat "nahe" und "bald" war.

Wir müssen unterscheiden zwischen Voraussagen, die an keine zeitliche Angabe gebunden sind, und Voraussagen, denen eine klare zeitliche Angabe beigefügt ist. Es ist eine Sache, wenn Gott etwas voraussagt und dies irgendwann in nicht näher bestimmten Zukunft geschehen soll; aber es ist eine andere Sache, wenn Gott etwas voraussagt, und das sich zu einer bestimmten Zeit oder innerhalb einer erwähnten Zeitspanne ereignen soll. Im ersten Fall hat der Mensch keinen Anlass, die Erfüllung zu einem bestimmten Zeitpunkt zu erwarten; im zweiten Fall aber sollte sich auch ereignen, was vorausgesagt wurde, da ansonsten Gott zum Lügner wird und ausserdem der Mensch lediglich verängstigt wird (vgl. Spr 13,12 - "Hoffnung, die sich verzögert, ängstet das Herz; ...")

Gott ist kein Lügner, sondern ein treuer Gott

Wie in 4. Mose 23,19 zu lesen ist, ist Gott kein Mensch, dass Er lüge oder eine Sache, die er verheissen hat, nicht auch erfüllen wird. Paulus schreibt in 1. Korinther 1,9, dass Gott treu ist! Sollte es bzgl. der Erfüllung von Gottes Voraussagen vom Kommen des Reiches Gottes und vom Kommen Christi eine Ausnahme geben und Gott in der Sache nicht treu sein? Das sei ferne!

Die oft als "Erklärung" zitierte Stelle in 2. Petrus 3 ist in diesem Zusammenhang sehr aufschlußreich.

2. Petrus 3,8
Eins aber sei euch nicht verborgen, ihr Lieben, daß ein Tag vor dem Herrn wie tausend Jahre ist und tausend Jahre wie ein Tag.

Man sollte unbedingt beachten, dass hier nicht (!) steht, dass vor dem Herrn ein Tag gleich tausend Jahre *ist*! Auch sollte man nicht die direkt folgenden Worte des Petrus ausser acht lassen.

2. Petrus 3,9
Der Herr verzögert nicht die Verheißung, wie es einige für eine Verzögerung halten; sondern er hat Geduld mit euch und will nicht, daß jemand verloren werde, sondern daß jedermann zur Buße finde.

Worum geht es Petrus eigentlich in diesem Abschnitt? Will er uns aufzeigen, dass bei Gott eine andere "Zeitrechnung" gilt oder will er aufzeigen, dass Gott den von ihm gesetzten zeitlichen Fahrplan für die Erfüllung der von Ihm gemachten Voraussagen auch einhält? Gott "verzögert nicht die Verheißung" ... offensichtlich kann er sehr genau zeitliche Angaben machen und diese dann auch einhalten! Die Aussage in Vers 9 macht sehr deutlich, dass Gott von Ihm verkündete Verheißungen ganz sicher und "pünktlich" erfüllen wird.

Dieser Vers steht natürlich in absolutem Widerspruch zu den Aussagen fast aller christlichen Kirchen und Gruppen, die fast allesamt beteuern, dass Gott zwar verheissen hatte, dass das Reich bald kommen würde, die ganze Sache sich dann aber doch nicht erfüllt habe. Nun, entweder stimmte Gottes angesagtes "bald" und "nahe", oder Gott hat die Sache entgegen Seiner Beteuerungen doch hinausgezögert.

Manche Ausleger erkennen dieses Problem, wollen aber dennoch auf einem noch immer zukünftigen Kommen des Herrn beharren, andererseits aber Gott nicht Seine Verheissungen verzögern lassen, und so erklären sie, dass Zeitangaben in prophetischen Voraussagen "elastisch" bzw. "realtiv" seien. Eine solche Theorie klingt eigentlich auch schon "verdächtig", denn damit wäre einer Voraussage eigentlich das wesentliche Element einer Prophezeiung genommen und sie wäre stattdessen lediglich eine mehr oder minder brauchbare "Vermutung".

Auch lässt sich in der Bibel aus einigen anderen Stellen sehr gut ableiten, dass Gott Zeitangaben in Verbindung mit Weissagungen und Voraussagen kommender Ereignisse sehr wohl genau und nicht "elastisch / relativ" ausdrückt. In 4. Mose 24,17 lesen wir von einer Voraussage Bileams über das Kommen des Messias und er spricht von "nicht jetzt [nicht bald]" und "nicht von nahem". Warum erwähnt diese Weissagung "nicht bald" und "nicht von nahem"? Anstatt zu behaupten, solche zeitlichen Angaben seien relativ, sollte man lieber beachten, dass "nicht bald" und "nicht von nahem" genaue und korrekte Angaben sind, denn das Kommen des Messias lag noch ca. 1400 Jahre weit entfernt in der Zukunft. In Daniel 10 - 12 lesen wir von einer Vision, in welcher Daniel Dinge gezeigt wurden, die von Ereignissen der Zeit von ca. 500 v.Chr. bis 70 n.Chr. handeln. An zwei Stellen erfahren wir, von welcher Zeit diese Vision handelt ... in Daniel 10,14 steht dann, diese Vision handelt von Daniels Volk "am Ende der Tage" und "das Gesicht geht auf ferne Zeit". Daniel lebte über 500 Jahre vor dem Kommen Christi, und hier wird eine solche Zeitspanne als "ferne Zeit" bezeichnet. Es sollte klar sein, dass Gott sehr wohl Zeit kennt und in Seiner Kommunikation mit dem Menschen zeitliche Angaben präzise und korrekt angibt. Er macht einen Unterschied zwischen "nahe" und "ferne", zwischen "bald" und "nicht bald". In Daniel 8 findet sich noch ein interessantes Beispiel: Daniel hat eine Vision bzgl. einiger Ereignisse, die sich ca. 165-164 v.Chr. beim Tod des Antiochus Epiphanes ereigneten, und bis dahin waren es noch ca. 360-370 Jahre. In 8,26 wird diese Zeitspanne dann als "eine lange Zeit bis dahin" beschrieben.

Aus diesen Stellen ist ersichtlich, dass Gott sehr wohl auf Zeit Wert legt und die zeitlichen Angaben in Prophezeiungen nicht "relativ" oder "elastisch" sind, sondern für den Menschen normal verständlich sind. Da Gott in solchen Weissagungen zu den Menschen spricht, benutzt Er auch die zeitlichen Angaben so, dass Menschen diese korrekt verstehen können.

Daniel 8 enthält ein weiteres bemerkenswertes Detail in diesem Zusammenhang, denn Daniel wird geboten, er sollte die Vision geheim halten, weil es eben noch eine lange Zeit bis dahin war. In Offenbarung 22,10 wird dagegen Johannes geboten, er soll die Worte der Weissagung nicht versiegeln (geheim halten), weil die Zeit nahe war. Daraus ergibt sich doch eindeutig, dass Gott sehr wohl zeitliche Angaben in einer Art und Weise macht, die dem Menschen verständlich sind und unser normales Vokabular bzgl. "bald / nahe" und "nicht bald, ferne" benutzt. In anderen Beispielen werden noch viel präzisere Angaben gemacht, wie etwa in Jeremia 29, wo der Prophet dem Volks Israel eine Gefangenschaft von genau 70 Jahren in Babylon ankündigt (Jer 29,10). Waren diese 70 Jahre nun 70 Jahre in dem Sinne, wie Menschen eine solche Zeitangabe verstehen? Ganz sicher! Gott versteht es sehr wohl, mit Menschen in deren Vokabular klar und deutlich bzgl. Zeit zu kommunizieren.

In Hesekiel findet sich gar ein Beispiel, wie Menschen eine solche Zeitangabe im Hinblick auf eine prophetische Aussage änderten und "relativierten" und wie Gott solches in keiner Weise tolerierte. In Hesekiel 7 sagt der Prophet voraus, dass der Tag des Gerichts über Israel "bald" sein wird (vgl. z.B. Hes 7,7.10). Es geht hier konkret darum, wie Babylon als Gottes Instrument benutzt wird, um Israel zu richten für seine Missetaten. In Hesekiel 11 lesen wir dann, wie Israel reagierte und das "nahe" und "bald" in der prophetischen Voraussage einfach beiseite schob und ignorierte und die Warnungen nicht beachtete. In Hesekiel 12,21ff dann macht Gott all dem Gerede bzgl. des "nahe" welches nicht wirklich "nahe" ist, ein Ende und Israel erfuhr sehr schnell, was Gott mit "nahe" und "bald" meint, wenn Er davon spricht, dass etwas "bald" geschehen wird! Jene Generation erfuhr am eigenen Leibe, dass Gott "bald" meinte, als Er von "bald" und von "ist nahe" sprach.

Mögliche Lösungen des Problems

Wenn wir die dargelegten Stellen aus der Schrift beachten und erkannt haben, dass die von Gott benutzten Wörter bzgl. Zeit in den prophetischen Voraussagen bzgl. des Kommens des Herrn und Kommens des Reiches Gottes genau so benutzt werden, wie Menschen sie normalerweise benutzen, dann ergeben sich für die traditionelle Auslegung eschatologischer Themen gewaltige und eigentlich unüberwindbare Probleme. Oder anders ausgedrückt, wenn "lange Zeit" wirklich "lange Zeit" und andererseits "bald" und "nahe" eine unmittelbar bevorstehende Zeit bezeichnen, dann können die traditionellen Lehren bzgl eines noch immer zukünftigen Kommens des Herrn und Kommens des Reiches Gottes nicht korrekt sein.

Fast alle Christen stimmen darin überein, dass die ersten Christen eine Naherwartung des Kommens Christi und des Reiches Gottes hatten, und alle sind auch der Meinung, die ersten Christen hätten dies zurecht geglaubt und zurecht eine solche Hoffnung auf ein Kommen Christi noch zu ihren Lebzeiten gehabt. Warum haben die Christen damals so geglaubt und gehofft? Die einfache Antwort ist: Weil sie so gelehrt wurden ! Somit gestehen fast alle Christen ein, direkt oder indirekt, dass die Lehre der frühen Christen, Jesus würde noch zu ihren Lebzeiten kommen, korrekt ist. Und doch machen dann fast alle Christen eine 180° Kehrtwendung und behaupten, die Worte "bald" oder "ist nahe", usw. habe wohl nicht wirklich "bald" und "nahe" bedeutet. Augenblick mal ... wen dem so wäre, dann kann man nicht sagen, die ersten Christen wären richtig gelehrt worden und hätten richtig geglaubt !

Solche scheinbaren Widersprüche werden verursacht durch die Annahme, das Kommen Christi und das Kommen des Reiches Gottes seien auch heute, fast 2000 Jahre nach der Niederschrift der NT Schriften, zukünftige Ereignisse. Diese Annahme wird ungeprüft als korrekte Tatsache angenommen und zur Grundlage für die Beurteilung aller anderen Aussagen gemacht. Eigentlich sollte anders vorgegangen werden. Die wirklich vielen Schriftstellen, welche von einem "nahe" bevorstehenden Kommen Christi und dem Kommen des Reiches Gottes reden, sollten die Grundlage unserer Betrachtungen sein und alles andere, ganz gleich von welchem Theologen oder Menschen die Ideen stammen, muss an der Schrift als dem Maß des Glaubens gemessen werden. Es liegt ein wirkliches Problem vor, und die damit verbundenen Fragen haben ernsthaft suchende Bibelschüler seit langem beschäftigt. Dieses Problem aber löst sich, sobald man anerkennt, dass Gott sehr wohl Zeit benennen und korrekt mitteilen kann und dass Er in Seiner Kommunikation zum Menschen Wörter und Begriffe benutzt, die dem Menschen verständlich sind und ihm deutlich und klar mitteilen, wann Gott was tun wird.

Als Anregung zum Studium der verschiedenen Schriftstellen in den NT Schriften, die von einem nahe bevorstehenden Kommen Christi reden, will ich kurz auf einige von mir bislang veröffentlichte Studien hinweisen:

Das Problem liegt letztlich darin, dass vorgefaßte Meinungen und Ideen das rechte Lesen und Verstehen der Schrift verhindern. Vorgefaßte Meinungen bestimmen das Lesen und führen dann zu einer Auslegung verschiedener Schriftstellen, welche einfachste Bedeutungen von Wörtern ausser acht lässt und nicht korrekt beachtet, was buchstäblich gemeint und was figurativ gesagt ist. Das führt dann dazu, dass es scheint, als hätten bestimmte Dinge noch nicht stattgefunden und es bleibt dann als eine Möglichkeit, dass dies alles demnach noch in der Zukunft sein muss.

Allerdings gibt es noch eine andere Lösungsmöglichkeit: Man sollte prüfen, ob man Begriffe und Ausdrücke korrekt versteht und schauen, ob sich eine Sache bereits ereignet haben kann, halt in anderer Form als man aufgrund der vorgefaßten Meinung angenommen hat. Wenn dadurch die Schrift insgesamt harmonisch passt und Schriftstellen in Einklang miteinander stehen und Wörter nicht quasi "gewaltsam" umgedeutet werden, dann ist man ganz sicher dem rechten Verständnis der biblischen Wahrheit ein wesentliches Stück näher als wenn sich fortwährend Widersprüche ergeben.

Man kommt einfach nicht an den Aussagen des Herrn Jesus vorbei. Er hat verheissen und vorausgesagt, dass er noch in "dieser Generation" (der Generation seiner Jünger und der Apostel) zurückkommen würde. Die von ihm gewählten Worte könnten kaum klarer und deutlicher sein. Nun bleiben mehrere Alternativen: (a) Jesus hat gelogen, (b) Jesus hat versagt, (c)Jesus machte einen Fehler, (d) oder Jesus kam ! Die Bibel ist entweder von Gott inspiriert und vermittelt uns Wahrheit, oder sie ist lediglich eine Niederschrift der Ideen einiger menschlicher Schreiber.

ich glaube, die Bibel ist das von Gott eingegebene Wort Gottes und Wahrheit. Ich glaube, Jesus hat die Wahrheit gesagt und er hat weder versagt noch hat er einen Fehler gemacht. Ich denke daher, dass die Zeitangaben in den verschiedenen Weissagungen über das Kommen Christi und das Kommen des Reiches Gottes genau und wahr sind, und ich habe daher meine bisherigen Ideen und Lehren auf den Prüfstand erhoben und erkannt, dass die traditionellen Lehren eines noch zukünftigen Kommens Christi wohl so nicht korrekt sein können.

Mögen diese Artikel, in denen es mir zunächst nur darum geht, die eigentlich klaren und deutlichen biblischen Aussagen möglichst einfach und möglichst "unkommentiert" darzulegen, allen Lesern eine Hilfe sein, sich selbst ein genaueres Bild der Sache zu machen. Ich biete keine "fertige" Auslegung an und kann auch noch keine endgültigen Aussagen bzgl. meines Verständnisses im Hinblick auf das Kommen des Herrn und der damit verbundenen Ereignisse machen.

Ich lasse aber die Leser an meiner eigenen Suche teilhaben und nehme auch gerne sachliche Anregungen und Kommentare zu dem in diesem Artikel dargelegten Material entgegen ... am einfachsten eine Mail an die Editor E-Mail Adresse schicken.

 

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