Einleitung

In den bisherigen 3 Teilen dieser Studie "Tägliche Andacht (Beharrliches Gebet)" habe ich versucht, auf einfache Weise einige wesentliche Aspekte aus der Schrift zum Thema Gebet zu vermitteln.

Ich bete, daß für manchen Leser die Anmerkungen zu meinen persönlichen Zielen und Erfahrungen als Anregung bzw. Ermutigung hilfreich gewesen sind, denn nur dazu sollen und können sie wirklich dienen. Jeder von uns macht seine Erfahrungen und ist bemüht um sein eigenes Gebetsleben, wobei wir doch darauf bedacht sind, einander zu helfen, gemäß unserer Berufung als Kinder Gottes zu wandeln und Gott zu gefallen.

Ich hatte bereits erwähnt, daß die zwei Aspekte "Bitte" und "Fürbitte" im Mittelpunkt dieses 4. Teils stehen würden. Für viele Christen (und auch für Nichtchristen) sind Bitte und auch Fürbitte das, was sie eigentlich unter "Gebet" verstehen. Andere Formen des Gebets, die ich teilweise bereits angesprochen habe bzw. später noch erörtern werde, sind vielen weit weniger geläufig. In der Tat sind Bitte und Fürbitte in vielerlei Hinsicht wohl auch der Kernpunkt, die Mitte, das Zentrum unseres Gebets. Eine nähere Betrachtung und Studie dieser Aspekte des Gebets wird uns auch das Wesen und den Sinn des Gebets in noch größerem Maße deutlich machen.

Mögen die angeführten Schriftstellen und die darin offenbarten Wahrheiten unser Herz berühren und in uns ein Feuer entfachen, so daß wir geistlich brennend unser Leben in Hingabe an unseren himmlischen Vater und im Dienste unseres Herrn Jesus Christus leben.

Bitte

Wie man sicherlich leicht erkennen kann, sind die Wörter "Bitte", "Fürbitte" und "Gebet" auch sprachlich sehr eng miteinander verbunden. Das Wort "Gebet" leitet sich von dem Verb "beten" ab, und dieses nun wird in der gleichen Bedeutung benutzt wie das Verb "bitten", welches andererseits den Substantiven "Bitte" und "Fürbitte" zugrunde liegt.

In 1. Timotheus werden verschiedene Aspekte des Gebets erwähnt, wo Paulus auf die Bedeutung des Gebets in der Gemeinde aufmerksam macht und dazu ermahnt.

1. Timotheus 2,1-2:
So ermahne ich nun, daß man vor allen Dingen tue Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung für alle Menschen,
für die Könige und für alle Obrigkeit, damit wir ein ruhiges und stilles Leben führen können in aller Frömmigkeit und Ehrbarkeit.

Diese Aussage des Apostels Paulus zeigt uns auf, daß es mehr zu Gebet gibt als nur Bitte, als nur Gebet, als nur Fürbitte oder nur Danksagung. Vielmehr wirken alle diese Aspekte im Leben der Gläubigen zu einem umfassenderen Gebetsleben zusammen. In diesen Versen werden unter anderem auch die zwei Formen von Gebet erwähnt, mit denen ich mich in diesem Teil unserer Studie befassen möchte: "Bitte" und "Fürbitte".

Das Wort "Bitte" wurde übersetzt von dem griechischen Wort deesis, es bezeichnet zunächst ganz allgemein das Bitten, jemanden um etwas ersuchen, eine Bitte vorbringen, einem Wunsch Ausdruck geben. Etwas enger gefaßt, bezeichnet es das Gesuch um die Erfüllung eines Wunsches, der mit den Möglichkeiten der Person, an die man sich wendet, in Einklang steht und eigentlich auf einer bereits bekannten Verheißung, einer offenen Bekundung der Fähigkeit und Bereitwilligkeit jener Person, beruht.

Manche sprechen davon, daß das Wort "Bitte" womöglich besser mit "Forderung" übersetzt werden könnte, was aber doch zu Mißverständnissen führen könnte. Wenn recht verstanden und im größeren Zusammenhang dessen gesehen, was uns in der Bibel über Bitte als Teil des Gebets berichtet wird, dann könnte man zwar "Forderung" als mögliche Übersetzung und mögliches Verständnis gelten lassen, aber es besteht dabei vielleicht zu sehr die Gefahr, daß unser Denken und Verständnis auf Abwege geraten könnte.

Bei unseren Bitten an Gott trifft natürlich zu, daß es sich dabei nur um solche Bitten handeln kann, die in Einklang stehen mit dem, was Gott bereits verheißen hat und was daher von ihm als möglich und verfügbar oder machbar in Frage kommt. Man kann nicht einfach seinem eigenen Kopf freien Lauf lassen und etwa meinen, bei Gott sei "einfach alles" möglich, was man sich nur ausdenken und wünschen kann. Dem ist nicht so! Diese Feststellung mag zwar eine Überraschung für viele Gläubige sein, aber sie ist dennoch wahr. Des Menschen Herz erdenkt sich vieles, aber nicht alles davon ist bei Gott möglich!

Gott ist nicht daran gebunden, uns all das zu erfüllen, was wir uns wünschen. Er ist souverän, und sein Wille steht im Vordergrund, nicht unserer. Wir erinnern uns an das, was Jesus seine Jünger bzgl. Gebet lehrte (im "Vaterunser"), wo er Anleitung gab, so zu beten: "… Dein [Gottes] Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden …" (Matthäus 6,10) Nicht unser Wille ist bestimmend, sondern Gottes Wille ist entscheidend.

Bei der "Bitte" geht es zwar um unsere Angelegenheiten, wir können und dürfen nicht nur, wir sollen vielmehr unsere Anliegen, die Angelegenheiten unseres Lebens, zu Gott bringen und sie vor ihm kundtun. Aber diese Bitte muß mit Gottes Willen in Übereinstimmung sein, wenn wir erwarten wollen, daß sie auch von Gott beantwortet wird.

Philipper 4,6:
Sorgt euch um nichts, sondern in allen Dingen laßt eure Bitten in Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kundwerden!

Paulus ermutigt, daß wir unsere Bitten vor Gott kundtun, daß wir uns in allen Dingen an Gott wenden und ihn so in unser Leben "einladen", damit er in unserem Leben wirken möge. Wir wenden uns an Gott mit unseren Bitten und mit Flehen und tun diese vor ihm kund "mit Danksagung". Dies ist ein ganz wesentlicher Schlüssel für uns bei unseren Bitten. Wir wenden uns an Gott mit einer Herzenseinstellung von Dankbarkeit.

Dieser Punkt ist es, der mich ein wenig zögern läßt, statt "Bitte" das Wort "Forderung" zu benutzen, da gerade dabei oft eine ganz andere Einstellung zu finden und von Dankbarkeit oft kaum noch die Rede ist. Andererseits drückt das Wort "Forderung" oder "fordern" ein Element aus, daß durchaus bei unserer Bitte vorhanden sein muß, wenn wir vor Gott hintreten und ihm unsere Bitte kundtun - nämlich "Zuversicht" und "Gewißheit".

Wenn wir wissen, daß etwa unsere Eltern uns etwas zugesichert haben, dann können und werden wir zu einem Zeitpunkt, da diese Verheißung anwendbar und aktuell wird, uns an sie wenden und zuversichtlich und mit Gewißheit das "einfordern", was sie uns ja bereits zugesagt haben. Wir werden uns nicht unsicher und ungewiß und zögerlich an sie wenden, sondern erhobenen Hauptes und mit Zuversicht zu ihnen gehen und um das "bitten", was sie in gewisser Hinsicht ja bereits gewährt haben.

Wenn es uns hilft, falsche Scheu und unbegründete Ungewißheit abzulegen, indem wir von "fordern" statt "bitten" reden, und wenn wir dabei nicht außer acht lassen bzw. nicht vergessen, daß wir gleichwohl mit demütigem und dankbarem Herzen vor unseren himmlischen Vater treten müssen, dann mag die Verwendung des Begriffs "fordern" ("Forderung") ja eine gewisse Berechtigung haben. Wenn wir aber dadurch verleitet werden, eine falsche Einstellung von Überheblichkeit vor Gott zu entwickeln, weil wir auf einmal meinen, wir könnten einfach "fordern" und Gott "müsse" unserer Forderung stattgeben, dann sollten wir lieber eine solche Übersetzung nicht wählen und von "Bitte" reden.

In 1. Johannes wird der Tatbestand der Bitte mit Zuversicht aufgegriffen.

1. Johannes 5,14:
Und das ist die Zuversicht, die wir haben zu Gott: Wenn wir um etwas bitten nach seinem Willen, so hört er uns.

Ich hatte eine weitere Stelle aus 1. Johannes bereits ausführlich im 3. Teil dieser Studie behandelt und aufgezeigt, wie wir Zuversicht vor Gott erlangen können. Dabei ging es darum, sich in Übereinstimmung mit dem Willen Gottes zu bringen. Wir müssen einerseits dafür Sorge tragen, unsere Sünden, die uns von Gott trennen und unsere Gemeinschaft mit ihm beeinträchtigen, ihm zu bekennen und ein reines Herz vor ihm zu haben, und dann andererseits sicherstellen, daß wir um etwas bitten, was mit Gottes Wille in Übereinstimmung ist. Unser Wille und was wir wünschen bzw. worum wir bitten, muß dem offenbarten Willen Gottes entsprechen.

Wo können wir nun erfahren, was der Wille Gottes ist? Wo wird uns Gottes Wille kundgetan, gemäß dem wir bitten sollen? Unsere erste Quelle ist auch in diesen Belangen immer das geschriebene Wort Gottes, wo Gott anhand von Beispielen wie auch direkten Verheißungen an uns in der Gemeinde aufzeigt, was seinem Willen entspricht und uns mitteilt, worum auch wir ihn bitten können.

Unser Bitten kann als Gottes Methode verstanden werden, wie er dann mit uns in Gemeinschaft sein und uns behilflich sein will. C.H. Spurgeon, der viele wunderbare Dinge zu Gebet geschrieben und gelehrt hat, erwähnt in einem seiner Werke genau diesen Punkt. Die Regel Gottes, nach der sich Dinge für uns abspielen, lautet "bitten". Diese Regel bleibt für alle Menschen in gleicher Weise gültig. Gott ändert seine Regel nicht für den ein oder andern, sondern sie bleibt für alle gleich.

Jesus bat seinen himmlischen Vater im Gebet, und wenn schon der göttliche Sohn bitten mußte, so trifft das auf jeden anderen Menschen ganz sicher ebenso zu. Gott segnet und Gott steht bei und Gott hilft … denen, die ihn bitten! Ohne Bitten geschieht nicht viel in unserem Leben, zumindest nichts im Hinblick auf Gottes Eingreifen und Gottes Wirken. Wer nicht bittet, braucht nicht zu erwarten, daß Gott hört - wie sollte Gott hören, wenn ich meine Stimme nicht erhoben habe, um ihn zu bitten?

Jesus erwähnte diese bemerkenswerte Wahrheit bzgl. des Bittens in seiner Unterweisung zum Beten.

Matthäus 7,7.8:
Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan.

"Bittet, so wird euch gegeben …" und: "Denn wer da bittet, der empfängt …" Die weiteren Vergleiche mit "suchen und finden" und "anklopfen und aufgetan werden" beschreiben und erläutern die gleiche Wahrheit. Zunächst müssen wir eine Initiative ergreifen und uns mit lauterem und zuversichtlichem Herzen an Gott wenden und bei ihm "vorsprechen". Das ist Gottes Wille. Der Umkehrschluß aus dem hier gesagten ist gleichermaßen wahr: Wer nicht bittet, dem wird auch nicht gegeben!

Selbst in Situationen, wo Gottes Wille zu einer Sache kundgetan war, ist Gebet und Bitte von seiten des betroffenen Menschen weiterhin angesagt und notwendig. Wir erinnern uns vielleicht an den Propheten Elia, dem von Gott mitgeteilt wurde, es solle über drei Jahre nicht regnen in Israel gemäß Elias Wort. Nun, geschah das "so ganz von allein"? Oder mußte Elia diesbezüglich bitten und zu Gott beten? Geschah das einfach so, weil Elia Gottes Wille diesbezüglich kannte und nun Gott vertraute, daß es geschehen würde?

Jakobus 5,17:
Elia war ein schwacher Mensch wie wir; und er betete ein Gebet, daß es nicht regnen sollte, und es regnete nicht auf Erden drei Jahre und sechs Monate.

Elia "betete ein Gebet"! Wörtlich heißt es: "… im Gebet betete er"! Elia betete nicht nur ein einziges Mal ein paar Worte in dieser Sache, sondern während dieser Zeit hat er sich im Gebet diesbezüglich an Gott gewandt. Und Gott erhörte, wie verheißen, Elias Gebet.

Als dann der Zeitpunkt für eine Änderung in dieser Sache kam, ging dieses auch nicht ohne Gebet vonstatten.

Jakobus 5,18:
Und er betete abermals, und der Himmel gab den Regen, und die Erde brachte ihre Frucht.

Ohne Elias Gebet ging es nicht. Und so ist es hinsichtlich vieler Dinge im Wort Gottes zu sehen … jemand muß beten, wenn Gottes mächtige Hand eingreifen soll.

Jesus lehrte zu bitten, zu suchen und anzuklopfen! Wir müssen bitten, wenn wir wollen, daß Gott uns gibt! Warum dem so ist, mag uns letztlich unerklärlich bleiben, aber auf eine Erklärung kommt es ja auch gar nicht an. Gott hat diese "Spielregel" so aufgestellt, und wenn wir in seinem Spiel recht und erfolgreich spielen wollen, dann müssen wir uns an seine Spielregel halten!

Manchmal hört man Menschen einwenden, es sei nicht notwendig zu bitten im Gebet, weil Gott ja bereits im voraus weiß, was wir bedürfen. Dieses Argument zieht angesichts der Beispiele in der Bibel und auch der Unterweisung Jesu überhaupt nicht.

Matthäus 6,6-9:
Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir's vergelten.
Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen.
Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet.
Darum sollt ihr so beten: Unser Vater im Himmel! Dein Name werde geheiligt.

Jesus zeigt auf, daß Gott wahrlich ins Verborgene sieht und auch nicht unwissend ist darüber, was wir benötigen oder was wir bedürfen. Dennoch ist das für Jesus kein Grund, das Gebet nun "abzusagen", weil Gott ja von uns nichts erfährt, was er sowieso nicht schon wüßte. Anscheinend geht es gar nicht darum, daß wir Gott beim Gebet und in unseren Bitten "informieren"! "Informiert" ist er ja schon!

Worum geht es dann? Welchen anderen Zweck verfolgt dann das Bitten im Gebet? Diese Fragen bringen uns zum eigentlichen Sinn des Bittens im Gebet. Da Gott bereits weiß, was wir bedürfen, kann es also beim Bitten nicht darum gehen, ihn davon in Kenntnis zu setzen, was wir benötigen. Das weiß er schon, bevor wir ihn bitten. Was durch unsere Bitte aber deutlich wird, ist, daß wir ebenfalls „wissen“ und auch anerkennen, daß wir etwas benötigen und von Gott in dieser Sache Hilfe wollen und auch erwarten.

E.M. Bounds schreibt in einem seiner Bücher zum Thema Gebet: „Das Gebet und die Bitte ist die Sprache eines Menschen, der das Bewußtsein und die Last eines Bedürfnisses hat. Nicht zu bitten, wäre nicht nur ein Ausdruck davon, daß man kein Bedürfnis hat bzw. nichts benötigt, sondern vermittelt auch, daß man sich seines Bedürfnisses nicht bewußt ist.“

Im Gebet und mit unserer Bitte werden wir nicht zu Menschen, die sozusagen einfach die Tür des Himmels aufstoßen, etwa dadurch, daß wir dort „anklopfen“, und die dann Gottes Kraft freisetzen. Nein – wir öffnen unsere Tür, die Tür unseres Herzens, und eröffnen so die Möglichkeit für Gott, uns seine längst freigesetzte Kraft zugute kommen zu lassen. Wir geben in unserer Bitte unserer Hilflosigkeit und unserem eigenen Unvermögen bzgl. der Abhilfe mit unserem Bedürfnis Ausdruck und tun damit den entscheidenden Schritt hin zu Gott, der ja bereitsteht, uns zu helfen. Gott erhält sozusagen Zugang zu unserem Leben und unserem Bedürfnis. Nun kann er zu Werke gehen und uns in unserer Not mit seinen Mitteln und seiner Macht behilflich sein.

Wir erkennen nun, welch große Bedeutung das Bitten hat. Ohne Bitten werden wir nicht empfangen, da wir Gott nicht in unsere Sache einbeziehen. Unsere Bitte ist der Ausdruck unserer eigenen Hilflosigkeit und unseres Unvermögens, gleichzeitig aber auch Ausdruck unseres Vertrauens auf Gottes Vermögen und seine Stärke.

Jesu Anweisung im sogenannten „Vaterunser“ zeigt auch die tägliche Notwendigkeit unserer Bitte auf, denn er spricht von: „Gib uns unser tägliches Brot.“ (vgl. Matthäus 6,11)

Es folgt ganz natürlich, daß unsere Bitte dann auch gezielt und spezifisch sein muß. Wir müssen unsere Angelegenheiten „ordnen“ und nicht nur einfach „vage um irgend etwas“ bitten. Was wollen wir denn wirklich? Was ist uns tatsächlich ein Anliegen und ein Bedürfnis? Worin suchen wir denn Gottes Hilfe? Als Jesus den Blinden fragte, was er von ihm wolle, antwortete dieser gezielt: „Daß ich sehend werde!“ (vgl. Markus 10,51). Diesem Mann ging es in der Situation nicht um irgend welche anderen Angelegenheiten oder Bedürfnisse in seinem Leben, sondern um eine bestimmte Sache: Er wollte sehen können!

Auch sollten wir unsere Bitte vor Gott gut darlegen, sozusagen „begründen“. Dabei werden wir selbstverständlich Gott nicht „überreden“, uns eine Sache zu gewähren, die eigentlich nicht seinem Willen entspricht, aber wir werden dabei lernen, wie Gott in uns wirkt und uns lehrt, so daß wir in größerem Maße erkennen können, was seinem Willen entspricht und was in unserem Leben möglicherweise noch besser wäre als das, worum wir gerade bitten.

Diese Schritte helfen uns auch, unsere Sache jeweils auch quasi „zu Ende zu bringen“, also vollständig und umfassend in unserer Bitte zu sein. Wir wollen nicht Gott die Ohren voll reden mit irgendwelchem Kram oder gar Gott eine Predigt halten, nein! Wir müssen vielmehr dahin kommen, daß wir unsere Bitte aufrichtig als Bitte formulieren und in wahrer Demut darbringen. Demut schließt dabei Freimut nicht aus, und Freimut schließt auch sorgfältige Formulierung nicht aus. Auch meine ich mit „sorgfältig“ nicht „rhetorisch geschult“ oder „sprachlich ausformuliert mit gewandter Redekunst“ – nein! Wir müssen aufrichtig sein, von Herzen ehrlich, wenn wir zuerst unser Bedürfnis erkennen, dann unsere Bitte formulieren und sie danach vor Gott vortragen. Wir können nicht selbstsüchtig und egoistisch sein und durch viele und geschickte Worte etwa Gott überzeugen wollen, daß er uns trotzdem gibt, was wir wollen … das wird nie etwas bringen, weil wir Gott nicht täuschen können!

Jesus erwähnt das Beispiel von Kindern und deren Einfachheit und Aufrichtigkeit. Gerade bei unserer Bitte trifft das den Kernpunkt der Sache. Kinder geben oftmals ein gutes Beispiel und zeigen rechtes Bitten. (Nun gut, ich gebe gerne zu, daß es auch – vielleicht mit zunehmendem Alter und dem Erwerb schlechter Angewohnheiten? – schlechte Beispiele und Unarten zu beobachten gibt!) In ihrer Bitte kommt ihr Bewußtsein ihres Bedürfnisses zum Ausdruck, sie kommen mit einer spezifischen Sache und bringen wirksame Argumente vor, sie sind ehrlich mit ihrem Anliegen und kennen keine Furcht, ihr Herz in dieser Sache vor uns auszuschütten. Und, treffen Ihre Argumente zu, ist ihre Sache durchdacht, so wird die Bitte auch erfüllt.

Bzgl. des Bittens im Gebet könnte man sagen, was ein unbekannter Prediger einmal vortrug: „Wir bitten mit der Demut eines Bettlers (Bittstellers), wir suchen mit der Sorgfalt eines Dieners und wir klopfen an mit dem Freimut eines Freundes!“

Ich kann aus meinen Erfahrungen über viele Jahre mittlerweile sagen, daß mir diese Dinge noch immer nicht unbedingt in jeder Situation leicht fallen. Auch ich kämpfe immer wieder mit eigenem Stolz, mit eigener Überheblichkeit, mit Gedanken an eigene Fähigkeiten – was alles letztlich darauf hinzielt, meine Anliegen und meine Bedürfnisse nicht vor Gott zu tragen und seine Hilfe in Anspruch zu nehmen. Daher bitte ich in besonderer Weise schon zu Beginn meiner Gebetszeit, daß Gott mir helfen möge, ein sanftes und demütiges Herz zu haben, daß er mir helfen möge, meine Bedürfnisse ehrlich und aufrichtig einzuschätzen und als solche zu erkennen und mich nicht zu scheuen, sie vor ihm kundzutun und mich seiner Hilfe anzuvertrauen. Er hat sich jedenfalls immer als treu erwiesen und seine Hilfe gewährt!

Fürbitte

Neben dem Bitten für unsere Anliegen und unsere Bedürfnisse ist ganz bestimmt für viele von uns das Bitten für andere ein wesentlicher Teil unseres Gebets. Für manche Christen ist die Fürbitte das Gebet schlechthin, und darin sehen sie die Erfüllung dessen, wozu Gott sie berufen hat im Hinblick auf ihren Dienst in der Gemeinde.

Wenn wir Fürbitte tun, beten wir für andere. Wir treten sozusagen an ihrer Stelle vor Gott bzw. wir stellen uns zwischen sie und Gott und kommen vor Gott mit einem Anliegen, einer Bitte, für sie. Wenn ich Fürbitte tue, erwarte ich nichts für mich, da ich nicht für mich bitte; statt dessen stelle ich mich in den Dienst Gottes, um einem andern zu helfen. Meine Fürbitte wird in manchen Fällen für Menschen sein, die bislang noch nicht gerettet sind, in anderen Fällen eine Fürbitte für meine Brüder und Schwestern in Christus in der einen Gemeinde Gottes.

Gerade im Hinblick auf die Fürbitte ergeben sich großartige Möglichkeiten des Dienstes in der Gemeinde für eigentlich alle Gläubige. Andere Dienste in der Gemeinde können nicht unbedingt von allen geleistet werden, da nicht alle die dafür notwendigen Möglichkeiten haben. Nicht alle Gläubige in der Gemeinde können lehren oder einen bestimmtes Amt ausüben, nicht alle Gläubige können in der Gemeinde als Seelsorger ermahnend wirken, nicht alle Gläubige können Barmherzigkeit üben … Damit mich niemand mißversteht: Wir alle können und sollen in der Gemeinde dienen, und wir tun dies auf unterschiedliche Weise und in unterschiedlichen Funktionen (vgl. Römer12,4–8).

Eine wahrhaft bemerkenswerte Sache ist aber, daß wir jedoch alle die Fähigkeiten und die Möglichkeit haben, für andere Fürbitte zu tun! Nur wird gerade dieser wunderbare Dienst, den wir alle in der Gemeinde versehen können und womit wir so vielen auf sehr wirksame Weise helfen können, oftmals fast „übersehen“. Leider erscheint manchen Christen dieser Dienst des Gebets für andere nicht wichtig genug, nicht konkret genug, nicht „dies und jenes“ genug. Dabei ist genau das Gegenteil der Fall: Kaum ein anderer Dienst ist so wichtig, so konkret, so „dies und jenes“!

Wir dürfen nicht vergessen, welch großen Einfluß die Fürbitte auf Situationen nehmen kann. Dabei rettet unsere Fürbitte natürlich den Sünder nicht, durch unsere Fürbitte wird der andere in der Gemeinde nicht verändert , durch die Fürbitte wird der andere nicht in irgendeiner Form zu etwas „gezwungen“ – nein! Aber unsere Fürbitte hat dennoch Einfluß, gewissermaßen „hinter der Szene“ und in einer Art und Weise, die dann durch Gottes Wirken und Eingreifen die vordergründigen Ereignisse ermöglicht.

Ein Beispiel von Fürbitte wird uns aus dem Leben Abrahams berichtet.

1. Mose 20,7
So gib nun dem Mann seine Frau wieder, denn er ist ein Prophet, und laß ihn für dich bitten, so wirst du am Leben bleiben. Wenn du sie aber nicht wiedergibst, so wisse, daß du des Todes sterben mußt und alles, was dein ist.

Dies sind Worte von Gott an Abimelech, der Sara, Abrahams Frau, zu sich genommen hatte. Gott trug Abimelech auf, daß er zum einen Abraham seine Frau wiedergeben sollte, und dann außerdem, daß er Abraham für sich bitten lassen sollte, damit er am Leben bleiben würde. Abraham sollte Fürbitte für Abimelech tun, und so würde der am Leben bleiben.

Viele unterschiedliche Aktivitäten werden erfolgreich „mit Gebet begleitet“, indem jemand für die Beteiligten Fürbitte einlegt. Die gezielte Fürbitte ist ein wesentlicher Faktor dafür, daß mehr an von Gott gewollter Frucht in der Gemeindearbeit und im Dienst am Nächsten zu sehen ist.

Durch Fürbitte für andere wird in manchen Fällen vielleicht das Feld „vorbereitet“, damit überhaupt zu seiner Zeit dann dort „gesät“ und „gepflanzt“ werden kann. Fürbitte für andere mag „das Begießen“ der aufgehenden Saat ermöglichen oder erleichtern. Fürbitte für andere ist in anderen Fällen ein entscheidendes Element bei der Vorbereitung für „das Einbringen der Ernte“. Fürbitte mag eine Sache über lange Zeit begleiten, in anderen Situationen vielleicht auch nur kurze Zeit notwendig sein.

Ich habe mehr als je zuvor in den letzten Monaten erfahren, wie weit sich Fürbitte erstrecken kann. Die Fürbitte für andere kennt keine Entfernungen und ist nicht von irdischen Umständen und Gegebenheiten abhängig. Auch wenn man persönlich nicht an einem bestimmten Ort ist, kann man dennoch für andere dort beten. Auch wenn es momentan irgendwo in der Welt nicht die gleiche Ortszeit ist, so kann man doch Fürbitte für Menschen dort tun. Gott ist ja unser Ansprechpartner, und er ist überall und zu jeder Zeit bereit, Fürbitte entgegenzunehmen und zu erhören!

In der Fürbitte konzentrieren wir unser Augenmerk auf Gott im Hinblick auf andere und nicht uns selbst. In manchen Situationen hilft es mir sehr, wenn ich während der Zeit meiner täglichen Andacht die Fürbitte vor die Zeit der Bitte stelle, da ich nicht so sehr an mich zuerst denke, sondern zunächst die anderen berücksichtige. Es hilft mir, nicht meine Bedürfnisse in den Vordergrund zu rücken, sondern auf das umfassende Wohl anderer bedacht zu sein.

Auch Jesus erwähnte in seiner Unterweisung zunächst: „Dein Reich komme.“ und erst danach: „Unser tägliches Brot gib uns heute.“ Gottes Reich umfaßt weit mehr als das, was ich heute benötige und was mein Bedürfnis ist. Gottes Reich umfaßt viele Menschen, und nicht nur mich. Gottes Reich umfaßt Menschen, und nicht Dinge oder Sachen. Daher spricht vieles dafür, in unserer täglichen Andacht und unserem Gebet nach dem Lobpreis Gottes der Fürbitte sehr bald schon einen Platz einzuräumen und sie auch vor die Bitte für unsere Anliegen zu stellen.

Ich habe mir eine Art Liste angefertigt (eigentlich sogar mehrere), die ich als Hilfsmittel für meine Zeit der Fürbitte benutze. Meine Gebetsliste ist wirklich nur ein Hilfsmittel, nicht eine „eiserne Faust“ oder „eine Zwangsjacke“; sie schränkt Gottes Wirken in mir nicht ein, sondern ist mir umgekehrt schon oft Anregung geworden, die Gott benutzt hat, um weitere Personen und Situationen in bestimmten Ländern oder dem Umkreis bzw. den Gemeinden von Gläubigen mir „ans Herz zu legen“, daß ich dafür beten sollte.

Meine Gebetsliste hilft mir, in meinem Leben etwa so zu beten, wie ich es in einigen Stellen in den Gemeindebriefen aus dem Leben des Apostels Paulus lesen kann.

Römer 1,9:
Denn Gott ist mein Zeuge, dem ich in meinem Geist diene am Evangelium von seinem Sohn, daß ich ohne Unterlaß euer gedenke

Philipper 1,3.4:
Ich danke meinem Gott, sooft ich euer gedenke -
was ich allezeit tue in allen meinen Gebeten für euch alle, und ich tue das Gebet mit Freuden -,

Das wesentliche Element, bei dem mir meine Gebetsliste eine hilfreiche Stütze ist, ist das „sooft ich euer gedenke“. Mancher mag ja ohne ein solches Hilfsmittel auskommen, mir jedenfalls ist meine Gebetsliste gerade in dieser Hinsicht und zum Zwecke des Gedenkens bei der Fürbitte eine Hilfe geworden.

Manche Gläubige befürchten vielleicht auch, daß Fürbitte für andere eventuell in einer Art von „Geplapper“ enden könne, da man ja doch Tag für Tag womöglich einfach seine Liste „runter betet“ und die Namen und Anliegen nur einfach so wiederholt werden. Nun, dies könnte so sein … dies muß aber nicht so sein! Das Wiederholen von Fürbitte für die gleichen Menschen hat an sich nun absolut nichts damit zu tun, daß man etwa in die Kategorie käme, vor der Jesus in seinen einleitenden Bemerkungen zum „Vaterunser“ warnte (vgl. Matthäus 6,7). Über Jesus selbst wird uns ja in der Schrift berichtet, daß auch er in einer Situation mehrmals das gleiche betete (vgl. seine Bitte im Garten Gethsemane, in Matthäus 26,44). Auch wir können unsere Fürbitten für andere immer wieder vorbringen! Wir beten so lange, bis die Antwort auf unser Gebet erfolgt ist bzw. so lange, wie das Bedürfnis besteht!

Die Worte des Paulus („sooft ich euer gedenke“) machen ja auch deutlich, daß Paulus immer wieder für sie betete, und es eben nicht bei nur einer einmaligen Erwähnung beließ. Auch sehen wir hier, daß er offenbar nicht nur allgemein für „die Gemeinde zu (… irgendein Ort …)“ betete und ihrer gedachte, sondern wohl auch der Gläubigen individuell, die er dort kannte und von denen er wußte, daß sie sich in bestimmten Situationen befanden, die der Fürbitte bedurften.

Eine praktische Hilfe für mich ist immer wieder, daß ich mir die Namen von mir bekannten Brüdern und Schwestern in Christus aufgeschrieben habe, wie auch die Namen von Ländern oder Städten, Bezeichnungen für Anliegen, Vorhaben, Notsituationen, usw. Wenn ich dann zur Fürbitte in meiner täglichen Andacht gelange, nehme ich meine Gebetsliste zur Hand und werde stille, um auf Gott zu hören, wofür ich eventuell in besonderem Maße heute beten soll. Manchmal führt er mich zu einer Sache, aus dieser ergeben sich dann weitere, usw. – manchmal gibt es keine besondere Führung diesbezüglich, und ich beginne einfach, für Leute oder Anliegen auf meiner Liste zu beten.

Und welch eine Freude es doch ist, Fürbitte für andere zu tun! Mehr und mehr beginne ich zu verstehen, was Paulus wohl gemeint hat, wenn er in Philipper 1 davon schreibt, daß er sein Gebet mit Freuden tut! Die Fürbitte für andere ist eine Freude, eine große Freude dazu!

Zuerst wird es wahrscheinlich so manchem, der damit beginnt, sein Gebetsleben sozusagen auf etwas systematischere Beine zu stellen, auch so gehen wie mir: Das Gebet für andere, gerade dieser Teil der Fürbitte, erweist sich schnell als ein gewaltiges Schlachtfeld, wo der Kampf gegen den Widersacher und seine störenden Einflüsse zu toben beginnt. Waren manche Einflüsse bereits zu spüren bei der Hinwendung zu Gott und dem Versuch, stille zu werden, so wurden nun die Einflüsse des Widersachers zuerst noch stärker. Es scheint, als wolle unser Widersacher auf keinen Fall, daß wir in der Gemeinde füreinander beten! Ihm ist wohl die Bedeutung und die Wirksamkeit dieses uns von Gott zugedachten Mittels der Fürbitte zur Genüge bekannt! Möge sie auch uns, indem wir treu und mit noch größerer Disziplin und Anstrengung daran festhalten, in ihrer Fülle nach und nach bekannt werden!

Epheser 6,18:
Betet allezeit mit Bitten und Flehen im Geist und wacht dazu mit aller Beharrlichkeit im Gebet für alle Heiligen

Möge diese Ermutigung des Apostels Paulus uns immer wieder bewußt sein und bewußt werden, so daß wir ihr mit Freuden, mit Überzeugung und im Vertrauen auf Gottes große Kraft und Treue nachkommen.

Zusammenfassung

In diesem 4. Teil von „Tägliche Andacht (Beharrliches Gebet)“ habe ich einige wichtige Wahrheiten zu den Aspekten Bitte und Fürbitte aus der Schrift erörtert. Ich bete und hoffe, daß diese Anmerkungen für viele Gläubige in der christlichen Gemeinde eine besondere Ermutigung sein werden.

Insgesamt gesehen, stehen sicher bei vielen Gläubigen die Bitte für eigene Bedürfnisse und Hilfe in Situationen des eigenen Lebens wie auch die Fürbitte für andere Brüder und Schwestern in Christus an bedeutender Stelle in ihrem Gebetsleben. Und doch gibt es auch Bedarf für Unterweisung und ganz besonders auch für gegenseitige Ermutigung zum Tun. Mögen wir alle gerade in dieser Hinsicht noch wesentlich beharrlicher werden, um so unserem himmlischen Vater zu gefallen und Ihm durch unser Gebet in Bitte und Fürbitte in unserem täglichen Leben Raum zu geben.

Gott sei Lob, Preis und Ehre in der Gemeinde, von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

 

Fortsetzung dieser Serie in Tägliche Andacht - Teil 5.

 

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