Es bleibet täglich nach deinem Wort; denn es muß dir alles dienen. (Psalm 119:91)

Das Buch Ruth

Das 1. Kapitel

1. Zu der Zeit, da die Richter regierten, ward eine Teuerung im Lande.
Und ein Mann von Bethlehem-Juda zog wallen in der Moabiter Land mit
seinem Weibe und zween Söhnen.

2. Der hieß Elimelech und sein Weib Naemi, und seine zween Söhne
Mahlon und Chiljon, die waren Ephrather, von Bethlehem-Juda. Und da sie
kamen ins Land der Moabiter, blieben sie daselbst.

3. Und Elimelech, der Naemi Mann, starb, und sie blieb übrig mit ihren
zween Söhnen.

4. Die nahmen moabitische Weiber. Eine hieß Arpa, die andere Ruth. Und
da sie daselbst gewohnet hatten bei zehn Jahren,

5. starben sie alle beide, Mahlon und Chiljon, daß das Weib überblieb
beiden Söhnen und ihrem Manne.

6. Da machte sie sich auf mit ihren zwo Schnüren und zog wieder aus
der Moabiter Lande; denn sie hatte erfahren im Moabiter Lande, daß der
HErr sein Volk hatte heimgesucht und ihnen Brot gegeben.

7. Und ging aus von dem Ort, da sie gewesen war, und ihre beiden
Schnüre mit ihr. Und da sie ging auf dem Wege, daß sie wiederkäme ins
Land Juda,

8. sprach sie zu ihren beiden Schnüren: Gehet hin und kehret um, eine
jegliche zu ihrer Mutter Haus; der HErr tue an euch Barmherzigkeit, wie
ihr an den Toten und an mir getan habt!

9. Der HErr gebe euch, daß ihr Ruhe findet, eine jegliche in ihres
Mannes Hause! Und küssete sie. Da huben sie ihre Stimme auf und weineten.

10. Und sprachen zu ihr: Wir wollen mit dir zu deinem Volk gehen.

11. Aber Naemi sprach: Kehret um, meine Töchter; warum wollt ihr mit
mir gehen? Wie kann ich fürder Kinder in meinem Leibe haben, die eure
Männer sein möchten?

12. Kehret um, meine Töchter, und gehet hin; denn ich bin nun zu alt,
daß ich einen Mann nehme. Und wenn ich spräche: Es ist zu hoffen, daß
ich diese Nacht einen Mann nehme und Kinder gebäre,

13. wie könnet ihr doch harren, bis sie groß würden? Wie wollt ihr
verziehen, daß ihr nicht Männer solltet nehmen? Nicht, meine Töchter;
denn mich jammert euer sehr, denn des HErrn Hand ist über mich
ausgegangen.

14. Da huben sie ihre Stimme auf und weineten noch mehr. Und Arpa
küssete ihre Schwieger; Ruth aber blieb bei ihr.

15. Sie aber sprach: Siehe, deine Schwägerin ist umgewandt zu ihrem
Volk und zu ihrem Gott; kehre du auch um, deiner Schwägerin nach.

16. Ruth antwortete: Rede mir nicht darein, daß ich dich verlassen
sollte und von dir umkehren. Wo du hingehest, da will ich auch
hingehen; wo du bleibest, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk
und dein GOtt ist mein GOtt.

17. Wo du stirbst, da sterbe ich auch; da will ich auch begraben
werden. Der HErr tue mir dies und das: der Tod muß mich und dich
scheiden.

18. Als sie nun sah, daß sie fest im Sinne war, mit ihr zu gehen, ließ
sie ab, mit ihr davon zu reden.

19. Also gingen die beiden miteinander bis sie gen Bethlehem kamen.
Und da sie zu Bethlehem einkamen, regte sich die ganze Stadt über ihnen
und sprach: ist das die Naemi?

20. Sie aber sprach zu ihnen: Heißet mich nicht Naemi, sondern Mara;
denn der Allmächtige hat mich sehr betrübet.

21. Voll zog ich aus, aber leer hat mich der HErr wieder heimgebracht.
Warum heißet ihr mich denn Naemi, so mich doch der HErr gedemütiget und
der Allmächtige betrübet hat?

22. Es war aber um die Zeit, daß die Gerstenernte anging, da Naemi und
ihre Schnur Ruth, die Moabitin, wiederkamen vom Moabiter Lande gen
Bethlehem.

Das 2. Kapitel

1. Es war auch ein Mann, der Naemi Mannes Freund, von dem Geschlecht
Elimelechs, mit Namen Boas, der war ein weidlicher Mann.

2. Und Ruth, die Moabitin, sprach zu Naemi: Laß mich aufs Feld gehen
und Ähren auflesen, dem nach, vor dem ich Gnade finde. Sie aber sprach
zu ihr: Gehe hin, meine Tochter!

3. Sie ging hin, kam und las auf, den Schnittern nach, auf dem Felde.
Und es begab sich eben, daß dasselbe Feld war des Boas, der von dem
Geschlecht Elimelechs war.

4. Und siehe, Boas kam eben von Bethlehem und sprach zu den
Schnittern: Der HErr mit euch! Sie antworteten: Der HErr segne dich!

5. Und Boas sprach zu seinem Knaben, der über die Schnitter gestellet
war: Wes ist die Dirne?

6. Der Knabe, der über die Schnitter gestellet war, antwortete und
sprach: Es ist die Dirne, die Moabitin, die mit Naemi wiederkommen ist
von der Moabiter Lande.

7. Denn sie sprach: Lieber, laß mich auflesen und sammeln unter den
Garben, den Schnittern nach; und ist also kommen und da gestanden von
Morgen an bis her und bleibt wenig daheim.

8. Da sprach Boas zu Ruth: Hörest du es, meine Tochter? Du sollst
nicht gehen auf einen andern Acker aufzulesen; und gehe auch nicht von
hinnen, sondern halte dich zu meinen Dirnen;

9. und siehe, wo sie schneiden im Felde, da gehe ihnen nach. Ich habe
meinem Knaben geboten, daß dich niemand antaste. Und so dich dürstet,
so gehe hin zu dem Gefäß und trinke, da meine Knaben schöpfen.

10. Da fiel sie auf ihr Angesicht und betete an zur Erde und sprach zu
ihm: Womit habe ich die Gnade funden vor deinen Augen, daß du mich
erkennest, die ich doch fremd bin?

11. Boas antwortete und sprach zu ihr: Es ist mir angesagt alles, was
du getan hast an deiner Schwieger nach deines Mannes Tode: daß du
verlassen hast deinen Vater und deine Mutter und dein Vaterland und
bist zu einem Volk gezogen, das du zuvor nicht kanntest.

12. Der HErr vergelte dir deine Tat; und müsse dein Lohn vollkommen
sein bei dem HErrn, dem GOtt Israels, zu welchem du kommen bist, daß du
unter seinen Flügeln Zuversicht hättest.

13. Sie sprach: Laß mich Gnade vor deinen Augen finden, mein HErr;
denn du hast mich getröstet und deine Magd freundlich angesprochen, so
ich doch nicht bin als deiner Mägde eine.

14. Boas sprach zu ihr: Wenn's Essenszeit ist, so mache dich hie herzu
und iß des Brots und tunke deinen Bissen in den Essig. Und sie setzte
sich zur Seite der Schnitter. Er aber legte ihr Sangen vor; und sie aß
und ward satt und ließ über.

15. Und da sie sich aufmachte zu lesen, gebot Boas seinen Knaben und
sprach: Lasset sie auch zwischen den Garben lesen und beschämet sie
nicht!

16. Auch von den Haufen lasset überbleiben und lasset liegen, daß sie
es auflese; und niemand schelte sie drum.

17. Also las sie auf dem Felde bis zum Abend und schlug es aus, was
sie aufgelesen hatte; und es war bei einem Epha Gerste.

18. Und sie hub es auf und kam in die Stadt. Und ihre Schwieger sah
es, was sie gelesen hatte. Da zog sie hervor und gab ihr, was ihr
übriggeblieben war, davon sie satt war worden.

19. Da sprach ihre Schwieger zu ihr: Wo hast du heute gelesen, und wo
hast du gearbeitet? Gesegnet sei, der dich erkannt hat! Sie aber sagte
es ihrer Schwieger, bei wem sie gearbeitet hätte, und sprach: Der Mann,
bei dem ich heute gearbeitet habe, heißt Boas.

20. Naemi aber sprach zu ihrer Schnur: Gesegnet sei er dem HErrn, denn
er hat seine Barmherzigkeit nicht gelassen, beide an den Lebendigen und
an den Toten. Und Naemi sprach zu ihr: Der Mann gehöret uns zu und ist
unser Erbe.

21. Ruth, die Moabitin, sprach: Er sprach auch das zu mir: Du sollst
dich zu meinen Knaben halten, bis sie mir alles eingeerntet haben.

22. Naemi sprach zu Ruth, ihrer Schnur: Es ist besser, meine Tochter,
daß du mit seinen Dirnen ausgehest, auf daß nicht jemand dir dreinrede
auf einem andern Acker.

23. Also hielt sie sich zu den Dirnen Boas , daß sie las, bis daß die
Gerstenernte und Weizenernte aus war. Und kam wieder zu ihrer Schwieger.

Das 3. Kapitel

1. Und Naemi, ihre Schwieger, sprach zu ihr: Meine Tochter, ich will
dir Ruhe schaffen, daß dir's wohlgehe.

2. Nun, der Boas, unser Freund, bei des Dirnen du gewesen bist,
worfelt diese Nacht Gerste auf seiner Tenne.

3. So bade dich und salbe dich und lege dein Kleid an und gehe hinab
auf die Tenne, daß dich niemand kenne, bis man ganz gegessen und
getrunken hat.

4. Wenn er sich dann leget, so merke den Ort, da er sich hinlegt; und
komm und decke auf zu seinen Füßen und lege dich, so wird er dir wohl
sagen, was du tun sollst.

5. Sie sprach zu ihr: Alles was du mir sagest, will ich tun.

6. Sie ging hinab zur Tenne und tat alles, wie ihre Schwieger geboten
hatte.

7. Und da Boas gegessen und getrunken hatte, ward sein Herz guter
Dinge; und kam und legte sich hinter eine Mandel. Und sie kam leise und
deckte auf zu seinen Füßen und legte sich.

8. Da es nun Mitternacht ward, erschrak der Mann und erschütterte; und
siehe, ein Weib lag zu seinen Füßen.

9. Und er sprach: Wer bist du? Sie antwortete: Ich bin Ruth, deine
Magd. Breite deinen Flügel über deine Magd, denn du bist der Erbe.

10. Er aber sprach: Gesegnet seiest du dem HErrn, meine Tochter! Du
hast eine bessere Barmherzigkeit hernach getan denn vorhin, daß du
nicht bist den Jünglingen nachgegangen, weder reich noch arm.

11. Nun, meine Tochter, fürchte dich nicht! Alles, was du sagst, will
ich dir tun; denn die ganze Stadt meines Volks weiß, daß du ein
tugendsam Weib bist.

12. Nun, es ist wahr, daß ich der Erbe bin; aber es ist einer näher
denn ich.

13. Bleib über Nacht. Morgen, so er dich nimmt, wohl; gelüstet's ihn
aber nicht, dich zu nehmen, so will ich dich nehmen, so wahr der HErr
lebt. Schlaf bis morgen.

14. Und sie schlief bis morgen zu seinen Füßen. Und sie stund auf, ehe
denn einer den andern, kennen mochte; und er gedachte, daß nur niemand
inne werde, daß ein Weib in die Tenne kommen sei!

15. Und sprach: Lange her den Mantel, den du anhast, und halt ihn zu.
Und sie hielt ihn zu. Und er maß sechs Maß Gerste und legte es auf sie.
Und er kam in die Stadt.

16. Sie aber kam zu ihrer Schwieger, die sprach: Wie steht es mit dir,
meine Tochter? Und sie sagte ihr alles, was ihr der Mann getan hatte,

17. und sprach: Diese sechs Maß Gerste gab er mir, denn er sprach: Du
sollst nicht leer zu deiner Schwieger kommen.

18. Sie aber sprach: Sei stille, meine Tochter, bis du erfährest, wo
es hinaus will; denn der Mann wird nicht ruhen, er bringe es denn heute
zu Ende.

Das 4. Kapitel

1. Boas ging hinauf ins Tor und setzte sich daselbst. Und siehe, da
der Erbe vorüberging, redete Boas mit ihm und sprach: Komm und setze
dich etwa hie oder da her. Und er kam und setzte sich.

2. Und er nahm zehn Männer von den Ältesten der Stadt und sprach:
Setzet euch her! Und sie setzten sich.

3. Da sprach er zu dem Erben: Naemi, die vom Land der Moabiter
wiederkommen ist, beut feil das Stück Feld, das unsers Bruders war,
Elimelechs.

4. Darum gedachte ich's vor deine Ohren zu bringen und zu sagen:
Willst du es beerben, so kaufe es vor den Bürgern und vor den Altesten
meines Volks; willst du es aber nicht beerben, so sage mir's, daß ich's
wisse; denn es ist kein Erbe ohne du und ich nach dir. Er sprach: Ich
will's beerben.

5. Boas sprach: Welches Tages du das Feld kaufst von der Hand Naemis,
so mußt du auch Ruth, die Moabitin, des Verstorbenen Weib, nehmen, daß
du dem Verstorbenen einen Namen erweckest auf sein Erbteil.

6. Da sprach er: Ich mag es nicht beerben, daß ich nicht vielleicht
mein Erbteil verderbe. Beerbe du, was ich beerben soll; denn ich mag es
nicht beerben.

7. Es war aber von alters her eine solche Gewohnheit in Israel: Wenn
einer ein Gut nicht beerben noch erkaufen wollte, auf daß allerlei
Sache bestünde, so zog er seinen Schuh aus und gab ihn dem an dem; das
war das Zeugnis in Israel.

8. Und der Erbe sprach zu Boas: Kaufe du es; und zog seinen Schuh aus.

9. Und Boas sprach zu den Ältesten und zu allem Volk: Ihr seid heute
Zeugen, daß ich alles gekauft habe, was Elimelechs gewesen ist, und
alles, was Chiljons und Mahlons, von der Hand Naemis.

10. Dazu auch Ruth, die Moabitin, Mahlons Weib, nehme ich zum Weibe,
daß ich dem Verstorbenen einen Namen erwecke auf sein Erbteil, und
sein. Name nicht ausgerottet werde unter seinen Brüdern und aus dem Tor
seines Orts; Zeugen seid ihr des heute.

11. Und alles Volk, das im Tor war, samt den Ältesten sprachen: Wir
sind Zeugen. Der HErr mache das Weib, das in dein Haus kommt, wie Rahel
und Lea, die beide das Haus Israel gebauet haben; und wachse sehr in
Ephratha und werde gepreiset zu Bethlehem!

12. Und dein Haus werde wie das Haus Perez , den Thamar Juda gebar,
von dem Samen, den dir der HErr geben wird von dieser Dirne.

13. Also nahm Boas die Ruth, daß sie sein Weib ward. Und da er bei ihr
lag, gab ihr der HErr, daß sie schwanger ward, und gebar einen Sohn.

14. Da sprachen die Weiber zu Naemi: Gelobet sei der HErr, der dir
nicht hat lassen abgehen einen Erben zu dieser Zeit, daß sein Name in
Israel bliebe.

15. Der wird dich erquicken und dein Alter versorgen. Denn deine
Schnur, die dich geliebet hat, hat ihn geboren, welche dir besser ist
denn sieben Söhne.

16. Und Naemi nahm das Kind und legte es auf ihren Schoß und ward
seine Wärterin.

17. Und ihre Nachbarinnen gaben ihm einen Namen und sprachen: Naemi
ist ein Kind geboren; und hießen ihn Obed, der ist der Vater Isais,
welcher ist Davids Vater.

18. Dies ist das Geschlecht Perez: Perez zeugete Hezron;

19. Hezron zeugete Ram; Ram zeugete Amminadab;

20. Amminadab zeugete Nahesson; Nahesson zeugete Salma;

21. Salma zeugete Boas; Boas zeugete Obed;

22. Obed zeugete Isai; Isai zeugete David.