Es bleibet täglich nach deinem Wort; denn es muß dir alles dienen. (Psalm 119:91)

Die Klagelieder Jeremias

Das 1. Kapitel

1. Wie liegt die Stadt so wüste, die voll Volks war! Sie ist wie eine
Witwe. Die eine Fürstin unter den Heiden und eine Königin in den
Ländern war, muß nun dienen.

2. Sie weinet des Nachts, daß ihr die Tränen über die Backen laufen.
Es ist niemand unter allen ihren Freunden, der sie tröste; alle ihre
Nächsten verachten sie und sind ihre Feinde worden.

3. Juda ist gefangen im Elend und schwerem Dienst; sie wohnet unter
den Heiden und findet keine Ruhe; alle ihre Verfolger. halten sie übel.

4. Die Straßen gen Zion liegen wüste, weil niemand auf kein Fest
kommt; alle ihre Tore stehen öde; ihre Priester seufzen, ihre
Jungfrauen sehen jämmerlich, und sie ist betrübt.

5. Ihre Widersacher schweben empor, ihren Feinden gehet es wohl; denn
der HErr hat sie voll Jammers gemacht um ihrer großen Sünden willen;
und sind ihre Kinder gefangen vor dem Feinde hingezogen.

6. Es ist von der Tochter Zion aller Schmuck dahin. Ihre Fürsten sind
wie die Widder, die keine Weide finden und matt vor dem Treiber hergehen.

7. Jerusalem denkt in dieser Zeit, wie elend und verlassen sie ist,
und wieviel Gutes sie von alters her gehabt hat, weil all ihr Volk
daniederliegt unter dem Feinde und ihr niemand hilft; ihre Feinde sehen
ihre Lust an ihr und spotten ihrer Sabbate.

8. Jerusalem hat sich versündiget, darum muß sie sein wie ein unrein
Weib. Alle, die sie ehrten, verschmähen sie jetzt, weil sie ihre Scham
sehen; sie aber seufzet und ist zurückgekehret.

9. Ihr Unflat klebet an ihrem Saum. Sie hätte nicht gemeinet, daß ihr
zuletzt so gehen würde. Sie ist ja zu greulich heruntergestoßen und hat
dazu niemand, der sie tröstet. Ach, HErr, siehe an mein Elend; denn der
Feind pranget sehr!

10. Der Feind hat seine Hand an alle ihre Kleinode gelegt; denn sie
mußte zusehen, daß die Heiden in ihr Heiligtum gingen, davon du geboten
hast, sie sollten nicht in deine Gemeine kommen.

11. All ihr Volk seufzet und gehet nach Brot; sie geben ihre Kleinode
um Speise, daß sie die Seele laben. Ach, HErr, siehe doch und schaue,
wie schnöde ich worden bin!

12. Euch sage ich allen, die ihr vorübergehet: Schauet doch und sehet,
ob irgendein Schmerz sei wie mein Schmerz, der mich getroffen hat. Denn
der HErr hat mich voll Jammers gemacht am Tage seines grimmigen Zorns.

13. Er hat ein Feuer aus der Höhe in meine Beine gesandt und
dasselbige lassen walten; er hat meinen Füßen ein Netz gestellet und
mich zurückgeprellet; er hat mich zur Wüste gemacht, daß ich täglich
trauern muß.

14. Meine schweren Sünden sind durch seine Strafe erwachet und mit
Haufen mir auf den Hals kommen, daß mir alle meine Kraft vergehet. Der
HErr hat mich also zugerichtet, daß ich nicht aufkommen kann.

15. Der HErr hat zertreten alle meine Starken, so ich hatte; er hat
über mich ein Fest ausrufen lassen, meine junge Mannschaft zu
verderben. Der HErr hat der Jungfrauen Tochter Juda eine Kelter treten
lassen.

16. Darum weine ich so, und meine beiden Augen fließen mit Wasser, daß
der Tröster, der meine Seele sollte erquicken, ferne von mir ist. Meine
Kinder sind dahin, denn der Feind hat die Oberhand gekriegt.

17. Zion streckt ihre Hände aus, und ist doch niemand, der sie tröste;
denn der HErr hat rings um Jakob her seinen Feinden geboten, daß
Jerusalem muß zwischen ihnen sein wie ein unrein Weib.

18. Der HErr ist gerecht; denn ich bin seinem Munde ungehorsam
gewesen. Höret, alle Völker, und schauet meinen Schmerz! Meine
Jungfrauen und Jünglinge sind ins Gefängnis gegangen.

19. Ich rief meine Freunde an, aber sie haben mich betrogen. Meine
Priester und Ältesten in der Stadt sind verschmachtet, denn sie gehen
nach Brot, damit sie ihre Seele laben;

20. Ach, HErr, siehe doch, wie bange ist mir, daß mir's im Leibe davon
wehe tut! Mein Herz wallet mir in meinem Leibe; denn ich bin
hochbetrübt. Draußen hat mich das Schwert und im Hause hat mich der Tod
zur Witwe gemacht.

21. Man höret es wohl, daß ich seufze, und habe doch keinen Tröster;
alle meine Feinde hören mein Unglück und freuen sich; das machst du. So
laß doch den Tag kommen, den du ausrufest, daß ihnen gehen soll wie mir.

22. Laß alle ihre Bosheit vor dich kommen und richte sie zu, wie du
mich um aller meiner Missetat willen zugerichtet hast; denn meines
Seufzens ist viel, und mein Herz ist betrübt.

Das 2. Kapitel

1. Wie hat der HErr die Tochter Zion mit seinem Zorn überschüttet! Er
hat die Herrlichkeit Israels vom Himmel auf die Erde geworfen. Er hat
nicht gedacht an seinen Fußschemel am Tage seines Zorns.

2. Der HErr hat alle Wohnungen Jakobs ohne Barmherzigkeit vertilget;
er hat die Festen der Tochter Juda abgebrochen in seinem Grimm und
geschleift; er hat entweihet beide, ihr Königreich und ihre Fürsten.

3. Er hat alles Horn Israels in seinem grimmigen Zorn zerbrochen; er
hat seine rechte Hand hinter sich gezogen, da der Feind kam, und hat in
Jakob ein Feuer angesteckt, das umher verzehret;

4. er hat seinen Bogen gespannet wie ein Feind; seine rechte Hand hat
er geführet wie ein Widerwärtiger und hat erwürget alles, was lieblich
anzusehen war, und seinen Grimm wie ein Feuer ausgeschüttet in der
Hütte der Tochter Zion.

5. Der HErr ist gleichwie ein Feind; er hat vertilget Israel, er hat
vertilget alle ihre Paläste und hat seine Festen verderbet; er hat der
Tochter Juda viel Klagens und Leides gemacht;

6. er hat sein Gezelt zerwühlet wie einen Garten und seine Wohnung
verderbet. Der HErr hat zu Zion beide, Feiertag und Sabbat, lassen
vergessen und in seinem grimmigen Zorn beide, König und Priester,
schänden lassen.

7. Der HErr hat seinen Altar verworfen und sein Heiligtum verbannet;
er hat die Mauern ihrer Paläste in des Feindes Hände gegeben, daß sie
im Hause des HErrn geschrieen haben wie an einem Feiertage.

8. Der HErr hat gedacht zu verderben die Mauern der Tochter Zion; er
hat die Richtschnur darübergezogen und seine Hand nicht abgewendet, bis
er sie vertilget; die Zwinger stehen kläglich, und die Mauer liegt
jämmerlich.

9. Ihre Tore liegen tief in der Erde; er hat ihre Riegel zerbrochen
und zunichte gemacht. Ihre Könige und Fürsten sind unter den Heiden, da
sie das Gesetz nicht üben können und ihre Propheten kein Gesicht vom
HErrn haben.

10. Die Ältesten der Tochter Zion liegen auf der Erde und sind stille;
sie werfen Staub auf ihre Häupter und haben Säcke angezogen; die
Jungfrauen von Jerusalem hängen ihre Häupter zur Erde.

11. Ich habe schier meine Augen ausgeweinet, daß mir mein Leib davon
wehe tut; meine Leber ist auf die Erde ausgeschüttet über dem Jammer
der Tochter meines Volks, da die Säuglinge und Unmündigen auf den
Gassen in der Stadt verschmachteten,

12. da sie zu ihren Müttern sprachen: Wo ist Brot und Wein? da sie auf
den Gassen in der Stadt verschmachteten wie die tödlich Verwundeten und
in den Armen ihrer Mütter den Geist aufgaben.

13. Ach, du Tochter Jerusalem, wem soll ich dich gleichen und wofür
soll ich dich rechnen, du Jungfrau Tochter Zion? Wem soll ich dich
vergleichen, damit ich dich trösten möchte? Denn dein Schaden ist groß,
wie ein Meer; wer kann dich heilen?

14. Deine Propheten haben dir lose und törichte Gesichte geprediget
und dir deine Missetat nicht geoffenbaret, damit sie dein Gefängnis
gewehret hätten, sondern haben dir geprediget lose Predigt, damit sie
dich zum Land hinaus predigten.

15. Alle, die vorübergehen, klappen mit Händen, pfeifen dich an und
schütteln den Kopf über der Tochter Jerusalem: Ist das die Stadt, von
der man sagte, sie sei die allerschönste, der sich das ganze Land
freuete?

16. Alle deine Feinde sperren ihr Maul auf wider dich, pfeifen dich
an, blecken die Zähne und sprechen: Heh! wir haben sie vertilget; das
ist der Tag; des wir haben begehret; wir haben's erlanget, wir haben's
erlebt!

17. Der HErr hat getan, was er vorhatte; er hat sein Wort erfüllet,
das er längst zuvor geboten hat; er hat ohne Barmherzigkeit zerstöret;
er hat den Feind über dir erfreuet und deiner Widersacher Horn erhöhet.

18. Ihr Herz schrie zum HErrn. O du Mauer der Tochter Zion, laß Tag
und Nacht Tränen herabfließen wie ein Bach; höre auch nicht auf, und
dein Augapfel lasse nicht ab.

19. Stehe des Nachts auf und schreie; schütte dein Herz aus in der
ersten Wache gegen dem HErrn wie Wasser; hebe deine Hände gegen ihn auf
um der Seelen willen deiner jungen Kinder, die vor Hunger verschmachten
vorne an allen Gassen.

20. HErr, schaue und siehe doch, wen du doch so verderbet hast! Sollen
denn die Weiber ihres Leibes Frucht essen, die jüngsten Kindlein, einer
Spanne lang? Sollen denn Propheten und Priester in dem Heiligtum des
HErrn so erwürget werden?

21. Es lagen in den Gassen auf der Erde Knaben und Alte; meine
Jungfrauen und Jünglinge sind durchs Schwert gefallen. Du hast gewürget
am Tage deines Zorns, du hast ohne Barmherzigkeit geschlachtet.

22. Du hast meinen Feinden umher gerufen wie auf einen Feiertag, daß
niemand am Tage des Zorns des HErrn entronnen und überblieben ist. Die
ich ernähret und erzogen habe, die hat der Feind umgebracht.

Das 3. Kapitel

1. Ich bin ein elender Mann, der die Rute seines Grimmes sehen muß.

2. Er hat mich geführet und lassen gehen in die Finsternis und nicht
ins Licht.

3. Er hat seine Hand gewendet wider mich und handelt gar anders mit
mir für und für.

4. Er hat mein Fleisch und Haut alt gemacht und mein Gebein zerschlagen.

5. Er hat mich verbauet und mich mit Galle und Mühe umgeben.

6. Er hat mich in Finsternis gelegt, wie die Toten in der Welt.

7. Er hat mich vermauert, daß ich nicht heraus kann, und mich in harte
Fesseln gelegt.

8. Und wenn ich gleich schreie und rufe, so stopft er die Ohren zu vor
meinem Gebet.

9. Er hat meinen Weg vermauert mit Werkstücken und meinen Steig
umgekehret.

10. Er hat auf mich gelauert wie ein Bär, wie ein Löwe im Verborgenen.

11. Er läßt mich des Weges fehlen. Er hat mich zerstücket und zunichte
gemacht.

12. Er hat seinen Bogen gespannet und mich dem Pfeil zum Ziel gesteckt.

13. Er hat aus dem Köcher in meine Nieren schießen lassen.

14. Ich bin ein Spott allem meinem Volk und täglich, ihr Liedlein.

15. Er hat mich mit Bitterkeit gesättiget und mit Wermut getränket.

16. Er hat meine Zähne zu kleinen Stücken zerschlagen. Er wälzet mich
in der Asche.

17. Meine Seele ist aus dem Frieden vertrieben; ich muß des Guten
vergessen.

18. Ich sprach: Mein Vermögen ist dahin und meine Hoffnung am HErrn.

19. Gedenke doch, wie ich so elend und verlassen, mit Wermut und Galle
getränket bin.

20. Du wirst ja daran gedenken, denn meine Seele sagt mir's.

21. Das nehme ich zu Herzen, darum hoffe ich noch.

22. Die Gute des HErrn ist, daß wir nicht gar aus sind; seine
Barmherzigkeit hat noch kein Ende,

23. sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß.

24. Der HErr ist mein Teil, spricht meine Seele, darum will ich auf
ihn hoffen.

25. Denn der HErr ist freundlich dem, der auf ihn. harret, und der
Seele, die nach ihm fraget.

26. Es ist ein köstlich Ding, geduldig sein und auf die Hilfe des
HErrn hoffen.

27. Es ist ein köstlich Ding einem Manne, daß er das Joch in seiner
Jugend trage,

28. daß ein Verlassener geduldig sei, wenn ihn etwas überfällt,

29. und seinen Mund in den Staub stecke und der Hoffnung erwarte

30. und lasse sich auf die Backen schlagen und ihm viel Schmach anlegen.

31. Denn der HErr verstößt nicht ewiglich,

32. sondern er wohl und erbarmet sich wieder nach seiner großen Güte;

33. denn er nicht von Herzen die Menschen plaget und betrübet,

34. als wollte er alle die Gefangenen auf Erden gar unter seine Füße
zertreten

35. und eines Mannes Recht vor dem Allerhöchsten beugen lassen

36. und eines Menschen Sache verkehren lassen, gleich als sähe es der
HErr nicht.

37. Wer darf denn sagen, daß solches geschehe ohne des HErrn Befehl,

38. und daß weder Böses noch Gutes komme aus dem Munde des
Allerhöchsten?

39. Wie murren denn die Leute im Leben also? Ein jeglicher murre wider
seine Sünde!

40. Und laßt uns forschen und suchen unser Wesen und uns zum HErrn
bekehren.

41. Laßt uns unser Herz samt den Händen aufheben zu GOtt im Himmel.

42. Wir, wir haben gesündiget und sind ungehorsam gewesen. Darum hast
du billig nicht verschonet,

43. sondern du hast uns mit Zorn überschüttet und verfolget und ohne
Barmherzigkeit erwürget.

44. Du hast dich mit einer Wolke verdeckt, daß kein Gebet hindurch
konnte.

45. Du hast uns zu Kot und Unflat gemacht unter den Völkern.

46. Alle unsere Feinde sperren ihr Maul auf wider uns.

47. Wir werden gedrückt und geplagt mit Schrecken und Angst.

48. Meine Augen rinnen mit Wasserbächen über dem Jammer der Tochter
meines Volks.

49. Meine Augen fließen und können nicht ablassen; denn es ist kein
Aufhören da,

50. bis der HErr vom Himmel herabschaue und sehe darein.

51. Mein Auge frißt mir das Leben weg um die Tochter meiner Stadt.

52. Meine Feinde haben mich gehetzet, wie einen Vogel, ohne Ursache.

53. Sie haben mein Leben in einer Grube umgebracht und Steine auf mich
geworfen.

54. Sie haben auch mein Haupt mit Wasser überschüttet. Da sprach ich:
Nun bin ich gar dahin.

55. Ich rief aber deinen Namen an, HErr, unten aus der Grube;

56. und du erhöretest meine Stimme. Verbirg deine Ohren nicht vor
meinem Seufzen und Schreien!

57. Nahe dich zu mir, wenn ich dich anrufe, und sprich: Fürchte dich
nicht!

58. Führe du, HErr, die Sache meiner Seele und erlöse mein Leben!

59. HErr, schaue, wie mir so unrecht geschieht, und hilf mir zu meinem
Recht!

60. Du siehest alle ihre Rache und alle ihre Gedanken wider mich.

61. HErr, du hörest ihre Schmach und alle ihre Gedanken über mich,

62. die Lippen meiner Widerwärtigen und ihr Dichten wider mich täglich.

63. Schaue doch; sie gehen nieder oder stehen auf, so singen sie von
mir Liedlein.

64. Vergilt ihnen, HErr, wie sie verdienet haben!

65. Laß ihnen das Herz erschrecken und deinen Fluch fühlen!

66. Verfolge sie mit Grimm und vertilge sie unter dem Himmel des HErrn!

Das 4. Kapitel

1. Wie ist das Gold so gar verdunkelt und das feine Gold so häßlich
worden, und liegen die Steine des Heiligtums vorne auf allen Gassen
zerstreuet!

2. Die edlen Kinder Zions, dem Golde gleich geachtet, wie sind sie nun
den irdenen Töpfen verglichen, die ein Töpfer macht!

3. Die Drachen reichen die Brüste ihren Jungen und säugen sie; aber
die Tochter meines Volks muß unbarmherzig sein, wie ein Strauß in der
Wüste.

4. Dem Säugling klebt seine Zunge an seinem Gaumen vor Durst; die
jungen Kinder heischen Brot, und ist niemand, der es ihnen breche.

5. Die vorhin das Niedlichste aßen, verschmachten jetzt auf den
Gassen; die vorhin in Seiden erzogen sind, die müssen jetzt im Kot
liegen.

6. Die Missetat der Tochter meines Volks ist größer denn die Sünde
Sodoms, die plötzlich umgekehret ward, und kam keine Hand dazu.

7. Ihre Nazaräer waren reiner denn der Schnee und klarer denn Milch;
ihre Gestalt war rötlicher denn Korallen; ihr Ansehen war wie Saphir.

8. Nun aber ist ihre Gestalt so dunkel vor Schwärze, daß man sie auf
den Gassen nicht kennet; ihre Haut hänget an den Beinen, und sind so
dürre als ein Scheit.

9. Den Erwürgten durchs Schwert geschah baß weder denen, so da Hungers
starben, die verschmachteten und erstochen wurden vom Mangel der
Früchte des Ackers.

10. Es haben die barmherzigsten Weiber ihre Kinder selbst müssen
kochen, daß sie zu essen hätten in dem Jammer der Tochter meines Volks.

11. Der HErr hat seinen Grimm vollbracht, er hat seinen grimmigen Zorn
ausgeschüttet; er hat zu Zion ein Feuer angesteckt, das auch ihre
Grundfesten verzehret hat.

12. Es hätten's die Könige auf Erden nicht geglaubt noch alle Leute in
der Welt, daß der Widerwärtige und Feind sollte zum Tore Jerusalems
einziehen.

13. Es ist aber geschehen um der Sünde willen ihrer Propheten und um
der Missetat willen ihrer Priester, die drinnen der Gerechten Blut
vergossen.

14. Sie gingen hin und her auf den Gassen wie die Blinden und waren
mit Blut besudelt und konnten auch jener Kleider nicht anrühren,

15. sondern riefen sie an: Weichet, ihr Unreinen; weichet, weichet;
rühret nichts an! Denn sie scheueten sich vor jenen und flohen sie, daß
man auch unter den Heiden sagte: Sie werden nicht lange da bleiben.

16. Darum hat sie des HErrn Zorn zerstreuet und will sie nicht mehr
ansehen, weil sie die Priester nicht ehreten und mit den Ältesten keine
Barmherzigkeit übten.

17. Noch gafften unsere Augen auf die nichtige Hilfe, bis sie gleich
müde wurden, da wir warteten auf ein Volk, das uns doch nicht helfen
konnte.

18. Man jagte uns, daß wir auf unsern Gassen nicht gehen durften. Da
kam auch unser Ende; unsere Tage sind aus, unser Ende ist kommen.

19. Unsere Verfolger waren schneller denn die Adler unter dem Himmel;
auf den Bergen haben sie uns verfolget und in der Wüste auf uns gelauert.

20. Der Gesalbte des HErrn, der unser Trost war, ist gefangen worden,
da sie uns verstörten, des wir uns trösteten, wir wollten unter seinem
Schatten leben unter den Heiden.

21. Ja, freue dich und sei fröhlich, du Tochter Edom, die du wohnest
im Lande Uz; denn der Kelch wird auch über dich kommen, du mußt auch
trunken und geblößet werden;

22. Aber deine Missetat hat ein Ende, du Tochter Zion; er wird dich
nicht mehr lassen wegführen; aber deine Missetat, du Tochter Edom, wird
er heimsuchen und deine Sünden aufdecken.

Das 5. Kapitel

1. Gedenke, HErr, wie es uns gehet; schau und siehe an unsere Schmach!

2. Unser Erbe ist den Fremden zuteil worden und unsere Häuser den
Ausländern.

3. Wir sind Waisen und haben keinen Vater; unsere Mütter sind wie
Witwen.

4. Unser eigen Wasser müssen wir um Geld trinken; unser Holz muß man
bezahlt bringen lassen.

5. Man treibt uns über Hals, und wenn wir schon müde sind, läßt man
uns doch keine Ruhe.

6. Wir haben uns müssen Ägypten und Assur ergeben, auf daß wir doch
Brot satt zu essen haben.

7. Unsere Väter haben gesündiget und sind nicht mehr vorhanden; und
wir müssen ihre Missetat entgelten.

8. Knechte herrschen über uns, und ist niemand, der uns von ihrer Hand
errette.

9. Wir müssen unser Brot mit Fahr unsers Lebens holen vor dem Schwert
in der Wüste.

10. Unsere Haut ist verbrannt wie in einem Ofen vor dem greulichen
Hunger.

11. Sie haben die Weiber zu Zion geschwächt und die Jungfrauen in den
Städten Judas.

12. Die Fürsten sind von ihnen gehenket, und die Person der Alten hat
man nicht geehret.

13. Die Jünglinge haben Mühlsteine müssen tragen und die Knaben über
dem Holztragen straucheln.

14. Es sitzen die Alten nicht mehr unter dem Tor, und die Jünglinge
treiben kein Saitenspiel mehr.

15. Unsers Herzens Freude hat ein Ende, unser Reigen ist in Wehklagen
verkehret.

16. Die Krone unsers Haupts ist abgefallen. O wehe, daß wir so
gesündiget haben!

17. Darum ist auch unser Herz betrübt, und unsere Augen sind finster
worden

18. um des Berges Zions willen, daß er so wüst liegt, daß die Füchse
dar überlaufen.

19. Aber du, HErr, der du ewiglich bleibest und dein Thron für und für,

20. warum willst du unser so gar vergessen und uns die Länge so gar
verlassen?

21. Bringe uns, HErr, wieder zu dir, daß wir wieder heimkommen;
verneue unsere Tage wie vor alters!

22. Denn du hast uns verworfen und bist allzusehr über uns erzürnet.